Breaking: Gott ist nicht allmächtig!

Gestern gab es eine interessante Debatte online über die Frage „Hat Gott ein Geschlecht?“ zwischen der Rabbinerin Elisa Klapheck, der Imamin Rabeya Müller und mir. Die Antwort war einfach und schnell gefunden: Ja, und zwar alle! Demnächst soll der Mitschnitt dieser Diskussion auf Youtube veröffentlicht werden, dann werde ich ihn hier posten.

Im Laufe des Gesprächs kamen wir auch auf Gottes Allmacht zu sprechen, an die ich nicht glaube und über die ich hier schon mal gebloggt hatte, und die ich in dieser Debatte als ein Beispiel für die Vermengung von Gottes- und Männlichkeitskonzepten in der christlichen Diskussion anführte. Elisa Klapheck sagte darauf nur, dass das Judentum (spätestens seit der Shoah, aber auch vorher schon) sich eh schon längst von der Idee der Allmacht Gottes verabschiedet hätte. Sie beschrieb Gott vielmehr als „gerade so gut genug“, um die Beziehung mit ihr nicht abzubrechen. Das finde ich einen sehr interessanten Gedanken, der auch meinem Erleben sehr entspricht.

Wenn man sich die säkulare Kultur anschaut, dann ist Gott allerdings heute für eine wachsende Zahl von Menschen offenbar nicht mehr „gerade so gut genug“.

Später postete ich dazu Facebook:

War eine sehr klasse Diskussion heute über Gottes Geschlecht. Habe dabei gelernt/erkannt: Gott ist nicht allmächtig. Wir müssen also das Glaubensbekenntnis ändern, oder ich muss zum Judentum übertreten. Oder ich bin offiziell Ketzerin. Which one is it? (Thread lesen)

Die Diskussionen darunter waren sehr sehr interessant. Hauptergebnis: Dass Gott nicht allmächtig ist, ist in der Theologie längst ein alter Hut und alle wissen das. Vor allem in einer Richtung namens „Prozesstheologie“ scheint das vor- und durchdacht worden zu sein. Ha, ich habe mal wieder hinterm Mond gelebt!

Allerdings arbeite ich ja in der Kirche und, ehrlich gesagt, ich habe davon im Alltag des christlichen Lebens an der Basis noch nicht viel gemerkt. Nicht nur, dass wir im Glaubensbekenntnis immer noch sprechen „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen.“ Sondern auch, dass in vielen Gottesdienstpredigten immer noch die Theodizee-Frage gestellt wird, also „Wie kann Gott das zulassen?“ – Gerade auch unter Corona war das mal wieder ein Highlight. Wenn Gott aber nicht allmächtig gedacht würde, dann würde sich diese Frage ja gar nicht stellen. Dann könne es ja sein, dass Gott Katastrophen aller Art einfach deshalb zulässt, weil sie nichts dagegen unternehmen kann.

Also von der Einsicht in die Nicht-Allmacht Gottes ist im realen Leben der Kirchengemeinden bisher wenig zu bemerken. Es gibt eben riesige Abgründe zwischen der akademischen Theologie, den offiziellen kirchlichen Standpunkten und dem, was in den Gemeinden gepredigt wird. Aber natürlich haben nur die letzten beiden Faktoren überhaupt einen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs.

Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Ich schreibe ja hin und wieder auch für säkulare Medien über Gott und Religion. Fast immer, wenn ich dort etwas sage – zum Beispiel sowas wie dass Gott nicht allmächtig ist – fällt das durch den redaktionellen Faktencheck. Die säkularen Redakteur:innen geben mir den Text zurück mit der Bemerkung, das sei zwar vielleicht meine Meinung und sicher auch ganz interessant, aber doch wohl kaum akzeptierte christliche oder evangelische Position. Wenn ich dann sage: „Doch, vielleicht nicht der Mainstream, aber deutlich innerhalb des akzeptablen Spektrums“, dann suchen sie bei sich einen theologischen Redakteur, der das nochmal bestätigen soll. Bisher ist das immer gutgegangen und ich habe sozusagen den säkularen Häresiecheck immer bestanden, aber ich frage mich, wie lange es in den säkularen Medien wohl noch Redakteur:innen mit theologischer Kompetenz gibt?

Bleibt also die Frage: Müssen wir nicht das Glaubensbekenntnis ändern, wenn wir die Behauptung, Gott sei allmächtig, ad akta legen?

Dagegen gab es in den oben verlinkten Facebook-Threads viele Einwände. Was mir halbwegs einleuchtete war der Hinweis, dass das Wort „allmächtig“ in der Antike eine andere Bedeutung hatte als heute, nämlich nicht „allmächtig im Sinne von Kann alles machen“ sondern im Sinne voll „alles, was gemacht wird, kommt aus dieser Quelle„. Sozusagen als Hemmschuh gegen falsche Vorstellungen von den Quellen der Macht, herrschaftskritisch, wenn man so will. Aber überzeugt bin ich nicht, denn das Glaubensbekenntnis soll doch die Gemeinde dessen vergewissern, was sie glaubt, und wenn man da bewusst solche Missverständnisse einbaut, dann ist das falsch. Wenn Worte ihre Bedeutung verändern, dann kann man sie nicht einfach weiter in der alten Bedeutung verwenden, wenn man verstanden werden will. Außerdem stellen sich dabei andere theologische Fragen: Wenn jede Macht von Gott kommt, dann auch die von Trump und Putin und Konsorten? Da kommen wir auch auf dünnes Eis und ich persönlich glaube ja, dass es auch eine Macht des Bösen gibt. Klar kann man das lösen, indem man drauf vertraut/dran glaubt, dass die später in die Hölle kommen. Aber von der Hölle wird in den christlichen Gemeinden heute ja auch nicht mehr gerne gesprochen (muss mal nachschauen, wie das in der akademischen Theologie ist, vielleicht ist da ja die Hölle schon längst wieder en vogue und ich habe es nur noch nicht mitbekommen :))

Zweites einleuchtendes Argument ist der Hinweis, dass das Sprechen des Glaubensbekenntnisses ein symbolischer Akt ist, der die Sprechende mit dem weltweiten Christentum verbindet und auch mit den christlichen Generationen vor uns. Allerdings möchte ich das eigentlich nicht. Es gibt zu viele Aspekte und Varianten des real existierenden Christentums, mit denen ich mich nicht verbinden, sondern von denen ich mich distanzieren will.

Deshalb schloss ich auf Facebook dann später noch eine zweite Frage an:

Okay, nächste Frage: Wenn so klar ist, dass Gott gar nicht allmächtig ist: Was nützt/bringt/soll es dann, an sie zu glauben/auf sie zu vertrauen? (Thread lesen)

Auch hier sind die Antworten und Diskussionen wieder sehr spannend gewesen.

Übrigens, um wieder auf den Anfang zu kommen, war das auch ein interessanter Aspekt unseres Gesprächs gestern Abend, als uns klar wurde, dass die eigene (feministische) Position zur eigenen religiösen Tradition auch damit zusammenhängt, ob diese Religion dominant/Mainstream ist oder Minderheit/verfolgt. So sagte Elisa Klapheck, dass wenn sie vor die Frage gestellt wird, loyal zum Feminismus zu sein oder loyal zum Judentum, sie die Loyalität zum Judentum wählt. Sie sehe sich als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, bei der in Bezug auf Weiterentwicklungen die Langsamsten das Tempo bestimmen sollen. Sie ist zwar gerne feministisch vorneweg unterwegs und schlägt Neues vor, aber es sei wichtig, niemanden zurück zu lassen.

Bei mir ist das anders. Ich bin im Zweifel eher loyal zum Feminismus als zum Christentum, und ich bin der Meinung, dass wir um des Evangeliums Willen, wenn ich jetzt mal fromm reden will, auch Schismen und klare Abgrenzungen zu bestimmten menschenfeindlichen Aspekten und auch geschichtlichen Ereignissen vornehmen sollten. Der Unterschied zwischen Klapheck und mir liegt aber nicht wirklich an einem unterschiedlichen Verständnis von Loyalität, sondern kommt daraus, dass unsere jeweiligen Religionen eben unterschiedliche Geschichten durchlaufen haben.

Oder anders: Zusammenhalten dürfen nur die Schwachen und Verfolgten. Wenn die Starken und Mächtigen zusammenhalten, wird es gemeingefährlich.

3 Kommentare zu „Breaking: Gott ist nicht allmächtig!

Gib deinen ab

  1. Hm.
    Ich gehe das gerne von der Mathematik her an. Der sind selbstbezügliche Aussagen verdächtig. Enthält die Menge aller Mengen sich selbst oder nicht?
    So gut wie alle solche Konstruktionen führen zu einer Paradoxie. „‚Alle Kreter lügen‘, sagt ein Kreter“, ist ein klassisches Beispiel.
    Ich habe mir angewöhnt, alle solchen sebstbezüglichen Aussagen grundsätzlich zu hinterfragen.
    „Gott ist allmächtig“ gehört sicherlich dazu.

    Glaubensbekenntnisse schreibt man nicht um.
    Man schreibt eigene oder interpretiert vorhandene.

    Dann: „Allmacht“ scheint mir ein künstlicher Versuch zu sein, „Gott“ zu konstruieren.
    Wenn es „Gott“ wirklich geben soll, sagten mal irgendwelche Griechen, muss er doch „allmächtig“ sein.
    Bücher wie die Bibel müssen dann fehlerfrei und ohne Widersprüche sein.

    Fragt mal jemand den lieben Gott, ob er/sie/es allmächtig sein will? Ober er/sie/es fehlerfreie Bücher mag oder nicht doch viel lieber welche mit Ecken und Kanten, mit Lyrik und Widersprüchen?
    Wenn ich mir die Bibel so anschaue und meinen Glauben an Gott nicht verliere, ist die Beobachtung: Er mag letzteres. Warum sonst haben wir vier Evangelien und nicht nur eines? Zwei Schöpfungsberichte – und zweimal ineinander verwoben zweimal Noah? Und viele Beispiele mehr…

    Ich weiß nicht mehr, wer das formuliert hat, aber „Ein Gott, der nicht die Macht hat, mal ordentlich dazwischen zu gehen, die Mächtigen zu erniedrigen und die Niedrigen zu erhöhen: Wofür soll der gut sein?“ (Könnte Jürgen Ebach gewesen sein…)

    Andererseits geht er/sie/es so selten dazwischen. In Deutschland kommen auf 7 Geburten und 1 Abtreibung 4 Fehlgeburten bis zur 12. SSW. Warum ist das so?

    Offenbar, weil das Leben so wahnsinnig komplex ist und gerade beim Heranwachsen so viel schief gehen kann. Leben heißt: Es entwickelt sich und es kann viel schief gehen. Das Paradies ist eine Utopie. Wir leben hier und jetzt in der Welt, wie sie ist. Aber wie ist Gott?
    Ich hatte bisher vvom Judentum gelernt, dass es dazu nichts sagt und die Frage offen lässt. „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Warum lassen wir es nicht einfach?
    Und freuen uns – ob Christ, Jude oder Moslem (warum kann die deutsche Sprache nicht einfach geschlechtsneutral sein, dass man so einen Satz ohne Genderprobleme einfach so schreiben kann) – dass uns der Glaube und die Hoffnung nicht verlässt, dass am Ende alles gut wird und dass es vorher noch nicht das Ende ist.

    Übrigens: Die Aussage, Gott habe alle Geschlechter, ist auch schon wieder so eine All-Aussage. Wofür muss man eigentlich wissen, ob Gott ein oder viele Geschlechter hat?
    Gott ist Gott. Das Allerheiligste ist mit gutem Grund leer. Und die biblischen Schöpfungstexte sparen sich m.E. aus guten Grund all die sexuellen Phantasien, welcher Gott mit wem was wie durch seinen/ihren Akt hervorgebracht hat, komplett aus.

    Außerdem: Wählt man sich seine/ihre Religion nach bestimmten Kriterien aus? Und wenn man auf neue Ideen kommt, wechselt man nochmal?
    Mir kommt das komisch vor. Welche Kriterien sollten das sein? Und was sollte das für eine Religion sein, wenn ich die Regeln dafür konstruieren könnte?
    Das einzige, was ich mitbringe, bin ich selbst. So, wie ich mich ändere, ändert sich auch meine Religion. Hoffentlich zum Besseren.
    Und wenn daraus eine Ideologie wird, die ich um der Ideologie willen verfolge, dann wird es schräg.

    Da kann ich Elisa Klapheck verstehen. Denn dann heißt „zum Judentum halten“ nicht, sich zu einer bestimmten Form des Judentums halten, sondern einfach: Offen sein für Gott, wie er/sie/es mich gerade anspricht.
    Und dann ist für den einen das Christentum die Heimat, für eine andere das Judentum und wieder für andere der Islam usw. Aber es ist immer der/die/das unfassbare Gott, „wo“ (hier ist der Ruhrgebietsslang ausgesprochen hilfreich, das Judentum kennt da das „ascher“) uns begegnet.
    Und manchmal ist Gott vorneweg und manchmal hintendran.
    Und niemand kann Gott (Einen Gott, den „es gibt“, gibt es nicht, sagte Bonhoeffer) darauf festlegen.

    Das reicht mir völlig. Gott darüber hinaus vorzuschreiben, wie Gott sein müsste, erscheint mir eher gotteslästerlich. Das sollten wir einfach sein lassen.
    Zurücklehnen. Den/die/das lieber Gott lieber Gott sein lassen.
    Und selber so gut es geht das Beste draus machen.
    Und nicht den Mut verlieren, wenn wieder mal so eine Katastrophe ins Leben grätscht.

    Und das Glaubensbekenntnis? Es hat etwas über die Zeiten Verbindendes. Ja. Aber es hat auch Gott ausgegrenzt, Menschen ausgegrenzt, … Wenn man es spricht, sollten einem/r/… klar sein: Es ist zu kurz, um Gott ausführlich festzulegen. Man kann Gott nicht festlegen. Aber man kann das Glaubensbekenntnis auch mal weglassen. Und sich einfach drüber freuen, dass Gott noch da ist und dieser Glaube einen/eine noch nicht losgelassen hat.

  2. Das griechische Pantokrator bedeutet nicht Allmächtiger, sondern Allesbeherrscher. Das betrifft nur Dinge die sind, nicht aber Dinge die nicht sind. Obwohl es in Römer 4,17 von Gott auch heisst, dass er ruft was nicht ist, als wäre es da. Wichtig dabei ist, dass Gott alles tun kann, was er will, und es nicht darum geht, dass er tut, was ich will bzw. ob ich es mir in meinem Kopf ausmale, wünsche oder von ihm fordere. Es geht eben NICHT um allerlei fiktionalen Unsinn, den man für möglich halten müsste.

    Pantokrator ist wahrscheinlich eine Übersetzung des hebräischen Shadai. Dieses wiederum kann mehrere Bedeutungen haben wie Feld, Mutterbrust, Dämon oder Gewalt. Ich vermute hier den Zusammenhang mit Abhängigkeit von einer Existenzgrundlage. Das Feld liefert die lebensnotwendige Nahrung für Erwachsene, die Mutterbrust ist notwendig für das hilflose Baby. Dämonen sind geistige Bindungen oder selbstgewählte Abhängigkeiten und Süchte. Gott ist die allererste Bedingung für alles, nach dem innerbiblischen Weltbild.

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