Das Christentum wird säkular oder zur Sekte

Die Kirchen verlieren Mitglieder, habt ihr sicher schon gehört, und deshalb gibt es wieder Reformvorschläge, Leitsätze, Debatten über die Zukunft und dergleichen. Ich verfolge das nun schon seit dreißig Jahren und habe keine Lust mehr darauf, beziehungsweise glaube ich nicht mehr daran, dass dabei etwas rauskommt. Die Kirche wie wir sie kannten, wird aussterben.

Aber ist das eigentlich so schlimm? Als Christin geht es mir ja nicht um die Kirche, sondern um das, wozu ich durch Jesus quasi beauftragt wurde: um Mission. Mein Job ist es, das Evangelium zu verkünden, also die „gute Nachricht“ von der Erlösung der Menschen in der Nachfolge Jesu Christi. Das bedeutet nicht, überall ein Kreuz draufzukleben oder das Label „Jesus Christus“. Sondern es bedeutet, die Inhalte zu verbreiten, die in der jesuanischen Ethik zentral sind: Nächstenliebe, Feindesliebe, Teilen mit den Armen, Kritik an zu viel Reichtum, andere Wange hinhalten, die Letzten werden die Ersten sein usw. Man braucht überhaupt kein „Christentums-Vokabular“, um das zu predigen (muss allerdings schon bereit sein, sich mit dem Mainstream anzulegen).

Leider steht die Kirche der Verkündigung des Evangeliums inzwischen oft im Weg, weil sie stattdessen PR für sich selber macht. Und in gewisser Weise auch machen muss, weil sie ja nur noch eine Minderheit ist. Solange sie die kulturelle Hegemonie hatte, also bis vor hundert Jahren in Deutschland, brauchte es keine PR-Abteilung, es kam ja sowieso niemand am Christentum vorbei. Als Minderheit hingegen muss sie PR machen, sonst ist sie noch schneller weg vom Fenster.

Das Problem ist halt nur, dass das viele dazu verleitet (hat), die eigentliche Aufgabe von Christ*innen, die Mission, zu vergessen. Manchmal können Verantwortliche in der Kirche das nicht einmal mehr unterscheiden und glauben, dass PR für die Kirche dasselbe sei wie Verkündigung des Evangeliums. Verschärfend kommt noch hinzu, dass „Mission“ durch die gewaltsame Praxis der Kirche in der Vergangenheit völlig diskreditiert ist, und viele Leute können sich Mission gar nicht mehr anders vorstellen als gewaltvoll. Nicht mal mehr Leute, die in der Kirche aktiv sind, denn auch sie wollen in der Regel heute gar nicht mehr missionieren. Ehrlich gesagt, ich finde, es wäre besser gewesen, wir hätten die Kirche abgeschafft und die Mission behalten.

Es liegt nun einmal im Wesen von Institutionen, dass sie nach einer Weile dazu tendieren, ihren eigenen Machterhalt wichtiger zu nehmen als die Inhalte, für die sie ursprünglich mal angetreten waren (geht ja vielen so). Jedenfalls: Verkündigung/Mission und Kirchen-PR sind nicht nur nicht dasselbe, das eine behindert auch das andere. Wer PR macht, kann nicht mehr missionieren. Weil er sich selbst in den Mittelpunkt des Gesprächs stellt, anstatt das Gegenüber.

Die Art und Weise wie die Kirche und die von ihr betriebene Verkündigung derzeit aufgesetzt ist, hat in einer gesellschaftlichen Situation funktioniert, in der sie die kulturelle Hegemonie hatte. Denn damals haben alle Menschen ihre Formeln und Vokabeln gekannt, auch ihre Kritiker*innen, weil sie schlichtweg Alltagssprache waren. Niemand kam dran vorbei. Aber in einer Welt, in der das Christentum eine Minderheit ist, in so einer Welt muss sie das Beharren auf ihr „Eigenes“ aufgeben und anfangen, zu den Leuten zu gehen.

Ich denke deshalb, wir müssten radikaler werden und uns von der Kirche als Institution wie wir sie bisher kannten verabschieden. Und damit meine ich nicht nur die Organisation, die materiellen Dinge, sondern auch das Wording, die Sprache, alles was als „Label“ fungiert und uns Christ*innen dadurch zu etwas Besonderem, von der Welt Getrenntem, inzwischen ja geradezu „Skurrilem“ macht.

Wenn wir Mission betreiben, geht es nicht um uns (unsere Mitgliedszahlen, ob die Leute uns gut finden, ob sie Bibelstellen und Rituale wissen). Sondern es geht um die Welt, um die Menschen, um ihre Nöte. Und wenn wir eine Botschaft haben, die Menschen aber erstmal merkwürdige fremde Vokabeln wie Rechtfertigung, Seele, Gott, Auferstehung und so weiter lernen müssen, die kein normaler Mensch im Alltag braucht und die außer in explizit kirchlichen Parallelveranstaltungen niemand im Radio oder im Fernsehen in den Mund nimmt, – tja, dann wird unsere Botschaft vermutlich nicht gehört, geschweige denn verstanden.

Einige Theologen des 20. Jahrhunderts waren da inhaltlich auch schon weiter. Bonhoeffers religionsloses Christentum geht meiner Meinung nach in diese Richtung, Barths Idee vom universellen Charakter des Christentums auch. Beide haben recht: Wenn man den Missionsbefehl zu Ende denkt, kann es logischerweise keine „Kirche“ als von der Welt getrennte Institution geben.

Das Christentum wird also säkular werden oder eine Sekte.

Das gilt natürlich ganz genauso auch für die anderen Religionen. Vordenkerin für ein säkulares Judentum war zum Beispiel Margarete Susmann. Säkularisierung des Evangeliums heißt jedenfalls nicht, es in einem großen Matsch von alles Dasselbe aufgehen zu lassen, sondern es aus der skurrilen Museumsecke herausholen, in die es sich hineinmanövriert hat. *Predigtende* #scnr

7 Kommentare zu „Das Christentum wird säkular oder zur Sekte

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    1. Evangelium = die Inhalte der jesuanischen Ethik? Was für eine Verkürzung. Wir sollen also weiter darüber reden, was Leute zu tun hätten. Kirche – die große besserwisserische Moralanstalt. Das ist weder neu noch innovativ, sondern bloß derselbe alte einseitige langweilige Quatsch wie seit dreißig Jahren gepredigt.

      1. PS: ob du das Evangelium langweilig findest ist ein bisschen ein merkwürdiges Kriterium, findest du nicht auch? deiner Kritik an der Moral stimme ich allerdings zu. Das Evangelium lautet aber imho nicht „du sollst“ (Kant) sondern „du kannst, es ist so“

  1. Nein, ich finde nicht das Evangelium langweilig, sondern Ihren Vorschlag. Weil das, was Sie fordern, schon lang versucht wird. Steht ja auch da zu lesen: ich habe von einer Verkürzung geschrieben, die Sie betreiben. Sie sagen in ihrer Antwort: „Das Evangelium lautet aber imho nicht „du sollst“ (Kant) sondern „du kannst, es ist so“.“, reden aber davon, dass die Kirche in säkularen Worten darüber reden müsste, was Leute tun sollen. Dabei ist das Evangelium nicht eine Antwort auf die Frage, was wir tun müssen, sondern zuerst eine Antwort auf die Frage, was für uns getan wurde. Sie verwechseln die Reihenfolge.

    1. @Georg – Wo schreibe ich, dass die Kirche darüber reden soll, was Leute tun sollen? Hab ich nicht.

      Im Übrigen finde ich das Reden darüber, „was für uns getan wurde“ mindestens genauso moralisch. So erhobener Zeigefinger und sei gefälligst mal dankbar. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verkündigung des Evangeliums Fragen beantworten sollte, die die Menschen tatsächlich haben. Wenige Menschen haben die Frage, was für sie getan wurde (sie haben aber natürlich sehr wohl die Frage, was sie tun sollen). Ich weiß schon die Theologie, die hinter Ihrer Position steht, ich hab das studiert. Aber es ist eben auch wieder eine Floskel, die konkret gar nichts aussagt.

      1. „Sondern es bedeutet, die Inhalte zu verbreiten […]. Man braucht überhaupt kein „Christentums-Vokabular“, um das zu predigen.“
        Sie haben da geschrieben, Sie wollen den Leuten gern ‚jesuanische Ethik‘ predigen. Kann sein, dass Sie was anderes gemeint haben, steht halt nicht da.
        Und das andere: tut mir ja leid für all die Vorurteile, die vermutlich auf schlechten Erfahrungen basieren, aber nirgendwo steht, dass diese Aussage bspw. mit erhobenem Zeigefinger verbunden sein muss.
        Falls Sie das missverstanden hatten: keineswegs will ich abstreiten, dass es auch um die Frage geht, was ein Mensch tun soll. Aber gerade an dieser Frage bricht das Evangelium doch die übliche Ratgeber-Selbstverbesserungsschiene auf. Und wenn man nur dabei stehen bleibt, was jemand tun soll, dringt hab eben nicht zum Evangelium durch.

        Zum Thema ‚Floskel‘. ‚Nächstenliebe predigen‘ ist auch erst einmal bloß eine Floskel, die nichts sagt. Da strotzt Ihr ganzer Text davon, der – so mein Vorwurf – eben auch nur ein völlig altes Konzept nochmal aufwärmt, das Sie, egal was genau der Anlass gewesen wäre, doch so oder so vertreten hätten.

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