Karfreitag? Wozu braucht man den heute noch? oder nicht mehr?

Vor ein paar Tagen führte ein Journalist mit mir ein Hintergrundgespräch zu Karfreitag. Ich habe das mitgeschnitten (Diktierprogramme sind neuerdings so gut!) und stelle meine Überlegungen hier in den Blog, falls sich jemand für das Thema interessiert!

Warum tun sich die Menschen heute so schwer mit dem Karfreitag?

Weil kaum jemand weiß, was damit gemeint sein soll. Vor 2000 Jahren wurde jemand hingerichtet, warum ist das heute noch wichtig? Das unschuldige Leiden Jesu ist ja nicht schlimmer als das der vielen Menschen, die heute jeden Tag unschuldig leiden und sterben. Also insofern ist das, was an Karfreitag passiert ist, nichts Besonderes. Und die Person Jesu selbst weckt in Menschen, die nicht überzeugte Christ:innen sind, auch keine Emotionen. Und auch wenn in Deutschland noch immer um die 50 Prozent aller Menschen christlich sind, ist es doch nur eine kleine Minderheit davon, die ihren Glauben aktiv ausübt und innerlich von den christlichen Grundlagen überzeugt ist.

Zumal gerade in diese Geschichte vom „Opfer- und Sühnetod“ Christi so viel unsinnige Theologie hinein interpretiert worden ist, vor allem seit der im 12. Jahrhundert erfundenen Sühnetheologie, die behauptet hat, Jesus wäre für die Sünden der Menschen gestorben und hätte durch diesen Tod das Heil in die Welt gebracht. So als wäre die Kreuzigung für sich genommen etwas Gutes und Notwendiges gewesen beziehungsweise wir Menschen heute wären irgendwie schuldig daran. Dieses ganze Konstrukt ist den meisten Menschen heute unverständlich geworden, zum Glück, würde ich fast sagen.

Ich glaube im Übrigen gar nicht, dass die Menschen sich mit dem Karfreitag schwer tun, den meisten ist der Tag einfach egal.

Wie der Karfreitag begangen wird, hat sich stark verändert: ein Ausdruck auch der veränderten theologischen Interpretation?

Ich würde sagen, es ist einfach Ausdruck des allgemeinen christlichen Traditionsabbruchs. Ehrlich gesagt kenne ich selbst den Karfreitag schon gar nicht mehr als bewusst begangenen Tag. Es ist inzwischen schon eher mehr als eine Generation zurück, dass wirklich eine Mehrheit der Menschen an diesem Tag in den Gottesdienst gingen und sich schwarz kleideten und des Todes Jesu gedachten. Schon ich – und ich bin inzwischen 56 Jahre alt und komme aus einem dezidiert evangelischen Milieu – kenne den Karfreitag schon nicht mehr als persönlich wichtigen Festtag, anders als Feste wie Weihnachten und Ostern.

Vielleicht ist ein Grund auch, dass Weihnachten und Ostern relativ leicht in eine säkularisierte Welt hinübergerettet werden konnten, weil beides für allgemeine Erfahrungen steht: die Wintersonnenwende, der Neuanfang der Geburt, das Licht in der Dunkelheit zu Weihnachten ist auch ohne christlichen Hintergrund verständlich. Genauso die österliche Freude über Frühling, Fruchtbarkeit und so weiter. Ähnliche Feste gibt es ja auch in vielen anderen Religionen.

Aber der Karfreitag ist etwas speziell Christliches, und dafür gibt es im Alltag der Menschen heute eben keine Verbindung.

Wofür steht für Sie die theologische Aussage des Karfreitags?

Für mich ist der Karfreitag in der Tat der christlichste Feiertag schlechthin, der uns vor Augen führt, dass Gott tot ist. Darüber habe ich hier einmal geschrieben. Gott ist nicht der große Zampano, der uns von oben dirigiert, sondern ein Mensch, und dann auch noch ein Verlierer, schwach, er wird hingerichtet. Ein solches Gottesbild ist, glaube ich, immer noch, wie Paulus es ausdrückte, „den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit“.

Dass Gott stirbt, ist für „die Juden“ – also in dem Fall für alle monotheistischen Gläubigen – ungeheuerlich, denn es gibt ja nur einen Gott. Jüd_innen und Muslim_innen glauben deshalb nicht, dass Jesus Gott war, sie denken, er war einfach ein Prophet – und die können natürlich sterben. Aber ich glaube eigentlich, auch die meisten Christ_innen halten das Ärgernis für zu groß, weshalb sie immer sofort vom Karfreitag zur Auferstehung hüpfen. Ich denke, die meisten glauben, Karfreitag war sozusagen nur eine Inszenierung, damit die Auferstehungs-Gloriole umso größer und zampanohafter sein kann. Aber dann ist der Karfreitag natürlich nicht so wichtig, wir wissen ja, dass das mit dem Tod nicht so schlimm ist, ist ja nur zwei Tage bis Sonntag und dann ist alles wieder gut.

Ja, und die „Heiden“, also die nicht monotheistisch Gläubigen, sagen eben: Wozu braucht man einen Gott, der stirbt? Ich habe auch keine Antwort auf diese Frage, aber ich würde sie mal zur Diskussion stellen – also den Karfreitag als Tag aushalten, an dem Gott tot ist, an dem Gott stirbt – ohne sofort gleich mit der Auferstehung zu kommen, die ja erst zwei Tage später kommt und dann auch nicht, um die Realität der Kreuzigung wieder wegzuwischen. Wenn Gott tot ist, könnte das auch eine Grundlage sein für einen Dialog zwischen Christentum und Atheismus, oder Christentum und Säkularismus, die ja eine gemeinsame Geschichte haben. Das würde das Thema Auferstehung auch nochmal interessant machen: Was bedeutet das, wenn Gott wirklich tot ist und sich nicht nur mal für zwei Tage tot stellt?

Gibt es eine feministische Sichtweise der Karfreitags?

Feministische Theologinnen haben früh kritisiert, dass die Sühne- und Opfertheologie, die seit dem 12. Jahrhundert in Mitteleuropa entstanden ist, zu einer Verherrlichung von Leid und Tod geführt hat und auch dazu, den Wert des irdischen Lebens, Leib und Gesundheit, herabzuwürdigen. Ich finde übrigens, dass man das jetzt auch in der Corona-Pandemie gesehen hat, wo vor allem christlich geprägte Länder schnell dabei waren, zu sagen: Na, gestorben wird halt immer, da kann man nichts machen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass es gerade Frauen waren, die diesen wie ich finde theologischen Irrweg am frühesten und konsequentesten kritisiert haben. Weil sie diejenigen sind, die in der patriarchalen Tradition für die Sorge der Leidenden und Bedürftigen zuständig erklärt wurden und sich also besser damit auskennen, was das wirklich bedeutet. Außerdem war die Schuld- und Sühne-Theologie eine rhetorische Figur, die auch dazu diente, Frauen klein zu halten: Sie sollen leidensfähig sein wie Jesus, sich nicht beklagen, Jesus hat schließlich auch nicht geklagt und so weiter.

Ich finde jedenfalls, dass man nicht sagen kann, dass Jesu Tod einen höheren Sinn hatte, dass er für unsere Sünden gestorben ist – außer in einem ganz allgemeinen und dann aber auch banalen Sinn, dass sein Tod natürlich eine Folge menschlicher Verfehlungen war. Aber dieser Tod war nicht notwendig für das Heilsgesehen, meiner Ansicht nach, sondern einfach ein Ereignis, ein schreckliches, aus dem wir aber natürlich etwas lernen konnten. Die frühen Christ:innen haben daraus etwas über Gott gelernt.

Sie hatten mal den Gedanken des Care-Freitags geäußert: was bedeutet das?

Care und „Kar“ haben etymologisch gleiche Wortherkunft, althochdeutsch Kara, Trauer, Sorge – Die Idee, das zu verbinden, stammt von der Theologin und Ethikerin Ina Praetorius. Es ist ja eine naheliegende Möglichkeit, den Sinn des Karfreitags inhaltlich zu aktualisieren. Das englische „to care“ bedeutet, dass mir etwas wichtig ist, dass es mir emotional was ausmacht, dass es mich betrifft, dass ich Verantwortung übernehme für alles, was „not-wendig“ ist. Ein gemeinsamer „Trauer- und Fürsorgetag“, für alle, die heute ungerecht leiden, aber auch das Feiern für unsere Fähigkeit, füreinander zu sorgen, und das Bekenntnis dazu, dass wir diese Aufgabe ernst nehmen, das wäre aus meiner Sicht nicht die schlechteste Idee, um Karfreitag zu begehen.

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