Warum die nächste EKD-Ratsvorsitzende ein Frau sein muss

(Diesen Text schrieb ich für die Oktober-Ausgabe des Hessischen Pfarrblatts).

Der Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland muss neu besetzt werden, weil Heinrich Bedford-Strohm sich nicht mehr zur Wahl stellt. Sieben Gründe, warum es eine Frau werden sollte.

Erstens: Aus mathematischen Gründen. Seit Theophil Wurm 1945 erster Ratsvorsitzender der EKD wurde, gab es 13 Ratsvorsitzende, aber nur eine Frau – und zwar Margot Käßmann, die zudem nur fünf Monate im Amt war. Das heißt: Von der gesamten Zeitspanne, in der das Amt existiert, war es zu 99,5 Prozent von Männern besetzt. Geht doch gar nicht!

Zweitens: Aus Zeitgeist-Gründen. „Alte weiße Männer“ sind derzeit – aus historisch nachvollziehbaren Gründen (Patriarchat, Kolonialismus) – in einem Autoritäts-Tief. Man denke nur an die Talfahrt der CDU nach Angela Merkel, oder auch an das Wahlkampf-Plakat von Olaf Scholz, das ambitioniert behauptete: „Er kann Kanzlerin.“ Dem einzelnen Mann gegenüber mag
das ungerecht sein, doch Institutionen, die Kompetenz ausstrahlen möchten, sind derzeit erfolgreicher, wenn sie ihr Führungspersonal aus anderen demografischen Gruppen besetzen. Statt einer Frau käme für den Ratsvorsitz zum Beispiel auch eine BPoC (Black/Person of Colour) oder FLINTA (Frauen-Lesben-Inter-Nonbinär-Trans-Agender)-Person in Frage.

Drittens: Aus missionarischen Gründen. Was die Außenwirkung des Amtes des EKD-Ratsvorsitzes betrifft, so ist die bisherige genderbezogene Bilanz eindeutig. Die meisten Menschen in Deutschland haben vermutlich erst durch Margot Käßmann gemerkt, dass so etwas wie eine EKD überhaupt existiert. In ihrer nur fünf Monate währenden Amtszeit hat Käßmann sich zudem gleich zweimal mit klaren Worten in die öffentliche Debatte eingeschrieben: „Nichts ist gut in Afghanistan“ und „Man kann niemals tiefer fallen als in die Hand Gottes“. Beide Sätze entfalteten Wirkung weit über die Kirchen-Bubble hinaus – keiner von Käßmanns männlichen Pendants kann da mithalten.

Viertens: Aus theologischen Gründen. Das Christentum hat das alttestamentliche Bilderverbot leider nie so recht ernst genommen. Immer wieder wurde Gott als alter Patriarch mit weißem Bart gemalt, gemeißelt, beschrieben, verfilmt – geben Sie nur mal das Wort „Gott“ in die Google-Bildersuche ein! Heute rächt sich das. Denn wenn Gott ernsthaft SO aussieht, muss man sich nicht wundern, wenn niemand mehr an ihn glaubt! Die Kirche sollte also dringend darauf hinwirken, dass den Menschen in Verbindung mit Religion und Glauben andere Bilder in den Sinn kommen. Eine Frau an der Spitze wäre da ein guter Anfang, rein vom „Image“ her.

Fünftens: Aus christologischen Gründen. Was die Vermännlichung des Göttlichen betrifft, so ist leider auch die Person von Jesus Christus ein Problem. Nicht prinzipiell, denn wenn Gott sich in einem Menschen inkarniert, muss sie halt irgendeine Geschlechtsidentität annehmen. Fatalerweise hat die Kirche aus Jesu Mannsein aber eine lehramtliche Notwendigkeit gemacht: Bis vor kurzem durften nur Menschen, die ebenfalls einen Penis haben, geistliche Ämter bekleiden. Jaja, die EKD hat diese skurrile Praxis inzwischen verworfen. Aber die meisten anderen christlichen Kirchen leider nicht. So stellte die Russisch-Orthodoxe Kirche nach der Wahl von Margot Käßmann ihre Beziehungen zur EKD in Frage. Die missbräuchliche
Instrumentalisierung von Jesu Gender für den Erhalt männlicher Herrschaft ist keine Kleinigkeit, sondern diskreditiert die christliche Religion als Ganze. Das muss daher klar skandalisiert und entsprechende Konflikte ausgefochten werden – und wie ginge das besser als mit einer Frau an der Spitze?

Sechstens: Aus ekklesiologischen Gründen. Der Pfarrberuf ist bei Frauen beliebt. Obwohl sie erst seit wenigen Jahrzehnten gleichberechtigt sind, lag ihr Anteil in Deutschland 2009 bei 33 Prozent, inzwischen wohl noch etwas höher. Aber statt das zu feiern, macht das Schreckensbild einer „Feminisierung der Kirche“ die Runde! Daran ist gleich mehreres schräg: Erstens die Idee, dass Feminisierung etwas Schlimmes wäre. Zweitens die fragwürdige Nostalgie für ein patriarchal-autoritäres Amtsverständnis. Und drittens der Unwille, sich mit den – glücklicherweise! – tatsächlich stattfindenden Veränderungsprozessen, die Frauen im Pfarramt angestoßen haben, ernsthaft auseinandersetzen. Eine weibliche EKD-Ratsvorsitzende würde da ganz andere Signale aussenden, gerade in Kombination mit der weiblichen Synodenpräses: Es kann gar nicht zu viele Frauen geben! Übrigens sind ja auch sonst 77,4 Prozent der Beschäftigten in der evangelischen Kirche Frauen. Solange der Männeranteil im Pfarramt also nicht deutlich unter 25 Prozent sinkt, und davon sind wir weit entfernt, ist gleichstellungspolitisch alles paletti!

Siebtens: Aus praktischen Gründen. „Verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre“ – dieses vom Soziologen Ulrich Beck formulierte Phänomen ist leider auch in der Kirche zu beobachten. Es will partout nicht gelingen, theologische Einsichten aus den Universitäten an die Basis zu transferieren. Allen theologischen Beteuerungen, Gott sei gar nicht männlich, zum Trotz, tobt auch heute noch auf Facebook ein Shitstorm, wenn „evangelisch.de“ mal ein Sharepic postet, in dem Gott mit weiblichen Pronomen angesprochen wird. Oder, anderes Beispiel: Es gibt zwar seit 2006 die „Bibel in gerechter Sprache“ mit einer Fülle an Möglichkeiten zur Übersetzung des hebräischen Gottesnamens. Aber trotzdem gibt die Deutsche Bibelgesellschaft noch im Jahr 2021 (!) eine neue „Basisbibel“ in Hunderttausender-Auflage heraus, die das Tetragramm durchgehend mit „der HERR“ übersetzt. So kann das nichts werden. Zugegeben: Eine Frau an der EKD-Spitze kann all diese Punkte nicht alleine auflösen. Aber ihre Wahl wäre immerhin ein Zeichen dafür, dass Hopfen und Malz noch nicht ganz verloren sind.

Datenschutzhinweis: Die Kommentarangaben und die Mailadresse werden an Automattic, USA (die Wordpress-Entwickler) übermittelt. Details hierzu in der Datenschutzerklärung (Link oben). Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑