Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) will ihr „Zentrum Frauen und Männer“ abschaffen. Mit krasser Begründung.

Am 8. und 9. November wird die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tagen und dabei über Sparvorhaben diskutieren.

Dabei soll dann auch klammheimlich still und leise das „Evangelische Zentrum Frauen und Männer“ abgeschafft werden. So offen wird das freilich nicht kommuniziert. Doch die Pläne sehen faktisch eine Kürzung um 72 Prozent vor, das heißt, von derzeit 920.000 Euro jährlich sollen im Jahr 2030 nur noch 260.000 Euro übrigbleiben. Und die sollen dann an Abteilungen des Kirchenamts gehen. Mit anderen Worten: Die unabhängige evangelische Verbands-Frauenarbeit wird plattgemacht.

Die Botschaft ist: Feminismus soll nur noch von offiziellen Kirchenstellen aus gemacht werden. Unabhängiger Verbandsfeminismus wird finanziell ausgeblutet. Eigenständige feministische Stimmen sind unerwünscht.

Zum Hintergrund: Gesellschafterinnen des Zentrums sind die „Evangelischen Frauen in Deutschland“ (EFiD) (zu deren Präsidium ich gehöre), die wiederum vor einiger Zeit aus einem Zusammenschluss der ehemals eigenständigen Evangelischen Frauenhilfe und Evangelischen Frauenarbeit hervorgegangen sind. Es ist ein von unten nach oben gewachsener Dachverband, in dem sich rund 40 Mitgliedsorganisationen zusammengeschlossen haben, von landeskirchlichen Frauenarbeitsstellen über den Pfarrfrauenbund bis zu Lesben in der Kirche und so weiter.

Die Aufgabe des Zentrums besteht darin, die kirchliche Basis mit Kompetenz, Materialien und dergleichen in ihrem Engagement bezüglich Feminismus, Gleichstellung, Gender und so weiter zu unterstützen. Ich bin ja schon seit sehr langem eine „evangelische Frau“, wenn man so will, und seit meinen frühen journalistischen Arbeiten in diesem Bereich (Anfang der 1980er Jahre) habe ich aus erster Hand mitverfolgen können, wie die Verbandspitzen (damals noch getrennt in Frauenarbeit und Frauenhilfe) mit grandioser Arbeit es geschafft haben, kulturellen Wandel bezüglich Gender und Feminismus innerhalb der Kirche zu vermitteln. Historisch waren die evangelischen Frauenverbände ja immer sehr konservativ, inzwischen sind sie es nicht mehr. Sie vertreten progressive feministische Positionen zu allen möglichen Themen – und, was das eigentlich Wichtige ist: Nicht nur auf dem Papier oder an der Uni, sondern indem sie diese Debatten bis in die letzte Gemeinde hinein an die Basis tragen und begleiten.

Denn es ist ja eines, progressive, feministische, intersektionale Ideen zu haben, und etwas anderes, darüber gesellschaftliche Debatten in der Breite zu führen. Neue kulturelle Paradigmen wie die Ehe für alle oder eine akzeptierende Haltung gegenüber Sexarbeiterinnen müssen nicht nur proklamiert, sondern auch so vermittelt, werden dass sie tatsächlich gesellschaftliche Akzeptanz finden. Und genau dabei spielen die Evangelischen Frauen in Deutschland eine ganz wichtige, ich würde sagen, unverzichtbare Rolle. Das war auch einer der Haupt-Gründe, warum ich seit einem Jahr im Präsidium der EFiD mitarbeite.

Das Zentrum „Frauen und Männer“ in Hannover betreibt die EFiD gemeinsam mit der Evangelischen Männerarbeit (die allerdings keine so alten und historisch gewachsenen Verbände hinter sich hat). Es ist erst vor vier Jahren nach einem mühsamen und ziemlich aufwändigen Reformierungsprozess gegründet worden, um die Gender-Kompetenzen der Kirche zu bündeln und geschlechterübergreifend zu organisieren. (Es gehört inzwischen zu den Treppenwitzen des evangelischen Reform-Dilettantismus, mit recht schöner Regelmäßigkeit viel Geld für aufwändigen Buhei auszugeben, nur um die Ergebnisse davon später wieder in die Tonne zu treten, aber das ist ein anderes Thema).

Besonders interessant sind die intern verbreiteten so genannten „One-Pager“, einseitige Formulare, auf denen neben dem Sparziel und der Kurzbeschreibung die Begründung für die Sparmaßnahme angegeben sind. In dem One-Pager zum Evangelischen Zentrum Frauen und Männer heißt es wörtlich:

„Die Kernfrage nach dem gesamtkirchlichen Bedarf für diese Arbeit muss gestellt werden. Die Zielgruppen sind gemeinsam gealtert, die Fragestellungen bearbeitet und die Rückbindung an die Positionierung der Gemeinschaft der Gliedkirchen wenig etabliert. Nicht selten kommentiert das Zentrum Statements und Positionen der EKD kritisch und findet in dieser Haltung ihre [sic!] Identität. […] Eine komplette Einsparung der Mittel ist – abhängig von der Mitarbeitersituation – sinnvoll […].“

Diese Begründung ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich:

Erstens: Alte Frauen brauchen wir nicht mehr (interessant die Verachtung der EKD für alte Frauen, denn ohne alte Frauen hätte die Kirche schon vor zehn Jahren einpacken können).

Zweitens: Die Fragestellungen sind bearbeitet. Haha. Ein hübsches Beispiel dafür, dass die Kirche immer zehn bis zwanzig Jahre hinter dem Diskurs herläuft. Ja, um das Jahr 2000 herum hatte man mal gedacht, die Fragestellen des Feminismus wären bearbeitet. Heute hingegen, liebe Reform-Experten der Kirche, ist Feminismus ein aktuelles Mega-Thema! Der öffentliche Diskurs ist voll mit Debatten darüber, dass die Fragestellungen eben gerade NICHT bearbeitet sind.

Drittens: Das Zentrum kommentiert Statements und Positionen der EKD kritisch !!! – ja meine Güte, das muss man natürlich unterbinden, nicht wahr! Wo kämen wir da hin, wenn die evangelischen Frauen eigene Meinungen vertreten würden, die nicht von der Kirchenspitze geteilt werden? EINSELF

Zu all dem passt, dass die nach dem Sparen übrig bleibenden Gelder nach den jetzigen Plänen dem Studienzentrum der EKD für Genderfragen rübergeschoben werden sollen. Dort machen Wissenschaftlerinnen sicher auch gute Arbeit. Aber es ist eben keine UNABHÄNGIGE Arbeit. Damit ist dann auch sichergestellt, dass sie nicht einfach irgendwelche feministische Aktionen starten und Stellungnahmen zu politischen Themen abgeben, die der Kirchenleitung möglicherweise nicht gefallen.

Das ist ein wichtiger struktureller Unterschied, über den man sich nicht mit Beteuerungen wie „Die machen doch auch was mit Feminismus und Gender“ hinwegtäuschen lassen darf.

Ob das zukunftsträchtig ist? Ich würde mich freuen, wenn Ihr das Thema in euren Kreisen weiter erzählen würdet und vielleicht sind ja auch ein, zwei Synodale drunter, die hierzu etwas sagen und die Abschaffung des Zentrums verhindern.

Hier noch ein paar Links mit detaillierteren Informationen.

Impulspapier der EFiD zum Vorhaben

Brief des Zentrums Frauen und Männer an die Synodalen

Buntbleiben – Aktionspage zum Thema mit je aktuellen Infos

Links zu Presseberichten über das Thema.

Gut zusammengefasst alles hier in der Eule

Zeitzeichen hat auch was dazu gemacht

Auch der NDR hat darüber berichtet (hier ab Minute 15 ca.) Der Beitrag wurde auch von anderen Sendern übernommen, zum Beispiel vom SWR und vom Deutschlandfunk (hier kann man den Take direkt anklicken).

Auch hier interessant:  „Die Leitsätze, so ist gleich auf der ersten Seite zu lesen, konkretisieren sich in den Vorschlägen, die der „Begleitende Finanzausschuss für eine Finanzstrategie der EKD“ unterbreitet. Diese sehen zum Beispiel die ersatzlose Auflösung des 2016 geschaffenen „Evangelischen Zentrums für Männer und Frauen“ vor, dem unter anderem vorgeworfen wird, Positionen der EKD zu oft unter Beschuss zu nehmen. Was immer man von der Arbeit des Zentrums halten mag: Bei allzu ausgeprägtem Widerspruchsgeist hört der Spaß in der „Kirche der Freiheit“ offenbar auf.“ – yo, so isses wohl.

Ein Kommentar zu „Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) will ihr „Zentrum Frauen und Männer“ abschaffen. Mit krasser Begründung.

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