Das Christentum ist in Gefahr, aber nicht weil Leute aus der Kirche austreten

Das Christentum ist nicht in Gefahr, weil Leute aus der Kirche austreten. Sondern weil die Vorstellung, dass Menschenleben höheren Zwecken untergeordnet werden dürfen, im angeblich „christlichen Europa“ immer normaler wird. #corona#moria etc.

Mir ist schon klar, dass Christ*innen nie wirklich durchgängig Menschenleben geachtet haben und immer Argumente fanden, warum jetzt aber nicht…

Neu ist jedoch, dass die Wahrung von Menschenleben und Menschenwürde nicht einmal mehr als Anspruch aufrechterhalten wird.Gerade da waren die Debatten rund um Corona ein Brandbeschleuniger. Das Argument „Wir müssen irgendwann eh alle sterben, also ist es nicht so schlimm“ ist jetzt in das allgemeine Bewusstsein gesickert.

Ich könnte mir vorstellen, dass das kulturell lang anhaltende Folgen haben wird.Wobei ebenfalls interessant ist, dass die Grenze zwischen den beiden Positionen nicht entlang von Kirchenmitgliedschaft verlief und verläuft.

Meine These: Ob jemand in der Kirche ist oder nicht, sagt nichts darüber aus, ob diese Person „christlich“ ist im Sinne der damit verbundenen Menschen- und Weltbilder.Wenn man es theologisch und mit christlichen Vokabeln sagen will: Wenn der Tod eh „normal“ und nicht so schlimm ist, braucht man auch keinen Christus, der ihn überwindet.

Einwand: Wurde nicht das Jenseits schon immer höher bewertet, als das Diesseits, ist der lebensfeindliche Charakter nicht systemimmanent?

Meine Antwort: Ja, die Tradition gibt es auch, vermutlich ist das der Grund, warum man jetzt daran anknüpfen konnte. Teilsweise wurde diese Argumentationsweise jetzt ja auch wieder herausgekramt. Ich glaube aber nicht, dass dies der Kern des Christentums war oder der Grund für seinen Erfolg, sondern ich halte das für eine Häresie, die so ab dem 10. Jahrhundert erst entstanden ist. Also nicht „schon immer“, aber natürlich aus heutiger Sicht schon „sehr lange“. Aber auch im Mittelalter war eigentlich (theoretisch) klar, dass das Vertrauen ins Jenseits keine Legitimation ist, dass man Menschen dort hinbefördern darf.

Frage: Ist das nicht unhistorisch, weil das Christentum (bzw. Christ*innen) immer sehr nachlässig mit Toden umgegangen ist, während erst in jüngerer Zeit der Skandal in unnötigem Tod gesehen wird?

Meine Antwort: Naja, es gehört ja auch immer die Frage dazu, ob man etwas tun kann oder nicht. Das fatalistischen Denken früherer Zeiten hing auch mit tatsächlichen Ohnmachtsverhältnissen zusammen, was sich natürlich seit der Einführung der Demokratie geändert hat – also, simpel gesagt: Wenn ich Untertanin bin und mein König Leute umbringt, kann ich daran erstens wenig ändern und zweitens bin dann auch nicht ICH es, die Leute umbringt. Fatalismus – also Schicksalsergebenheit – ist eine sinnvolle Haltung, solange sie sich auf Dinge bezieht, die man tatsächlich nicht ändern kann. Wenn ich aber wähle, oder in einem demokratischen Staat lebe, bin ich mit dafür verantwortlich, was geschieht, denn ich HABE mit bestimmt und habe auch legitime und systemkonforme Möglichkeiten des Engagements (Demos Petitionen usw.). Wenn ich die nicht wahrnehme, ist das begründungspflichtig. Die Auseinandersetzung zwischen eigener Ethik und weltlicher Herrschaft ist von Beginn an zentral im Christentum, von „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, „man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ „Gebt dem Kaiser…“ uswusw. die Zwei-Reiche-Lehre ist auch etwas, was das Christentum von anderen Religionen unterscheidet. Dass ab der Spätantike auch die Herrscher christlich waren, ändert daran nichts. Zwischen 1000 und 2000 war das Christentum ja hegemonial in Europa, d.h. alle Debatten wurden im Prinzip von Christ*innen untereinander geführt. Auch die, die medizinischen Fortschritt vorangetrieben haben, waren Christen, von daher sagt das nicht viel aus. Heute sind Christen und Nicht-Christen halbe-halbe, aber meine These ist, dass ihre Positionierung in diesem Punkt unabhängig sit von der Frage, ob sie sich als C. verstehen oder nicht. Neu ist, dass diese Gegenseite, die im christlichen Erbe zentral war, nämlich dass es eine Ethik und Moral gibt, die jenseits von weltlichen und pragmatischen Ebenen steht, heute an Überzeugungskraft verloren hat. Sie kann also bei eventuellen Konflikten mit „den Herrschenden“ nicht mehr aufgerufen werden.

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