Der Tod hat nicht das letzte Wort? Das kann man so nicht sagen, finde ich.

Ja, ich weiß, Ostern ist schon wieder vorbei, aber ich denke immer noch über die Auferstehung nach. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als sonst, weil dadurch, dass die Osteraktivitäten der Kirchengemeinden in diesem Jahr nicht hinter Kirchentüren stattfanden, sondern mir quasi frei Haus in die Timelines gespült wurden, habe ich mehr von Ostern mitbekommen.

Allerdings hat mich das Ganze auch umso ratloser zurückgelassen. Der mit Abstand häufigste Satz in den Predigten lautete nämlich, dass „der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass das Leben siegt.“ Das sollte offenbar Mut machen und Hoffnung geben, gerade in einer Krise wie dieser.

Ich habe dabei allerdings eine andere Assoziation. Und zwar denke ich unweigerlich an die MarkTomJacks aus amerikanischen Filmen, die auch immer in brenzligen Situationen ihren Mitmenschen (gerne Frauen) versichern: „Alles wird gut.“ Ich könnte da immer an die Decke gehen und möchte ihnen zurufen: Woher willst du das denn wissen? Versprich doch keine Sachen, die du nicht halten kannst!

Denn Tatsache ist ja, dass Leute sterben, dass Unglücke geschehen. Und dass dabei nicht alle gleichermaßen betroffen sind. Nehmen wir zum Beispiel die Corona-Pandemie, aber es könnte auch jede andere Katastrophe sein. Ja, allgemein betrachtet hat der Tod vielleicht nicht das letzte Wort. Die allermeisten Leute werden das überleben. Aber viele eben auch nicht. Ist es nicht eine Unverschämtheit, denen zu sagen: Alles wird gut?

Der Virus ist (genau wie alle anderen Unglücke von größerem Ausmaß auch) kein großer Gleichmacher, sondern es sterben bestimmte Leute unverhältnismäßig häufiger als andere. Nicht nur Alte sterben häufiger als Junge, sondern es sterben auch zum Beispiel People of Color häufiger als Weiße. Es sterben Krankenschwestern häufiger als Bankangestellte. Es sterben Leute in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem häufiger als solche in Ländern mit gutem. Es sterben Arme häufiger als Reiche und so weiter.

Was heißt da, der Tod hat nicht das letzte Wort? Wie anders soll man das denn sehen, als dass der Tod hier seinen Stempel nochmal unter alle Ungerechtigkeiten setzt, die die Gesellschaft ohnehin schon aufgebaut hatte? Haha, tot seid ihr, und zwar manche von euch, und die anderen nicht! Sagt der Tod.

Besonders übel: Ein allzu überbordendes Gottvertrauen religiöser Gruppierungen, speziell auch christlicher, hat vielerorts direkt mit dazu beigetragen, den Virus auszubreiten. In Brasilien sind die Evangelikalen immer noch vehement dabei, ihr Versammlungsrecht einzufordern, koste es was es wolle. Griechisch-orthodoxe Priester haben behauptet, beim Abendmahl könnte man sich nicht anstecken, auch wenn alle am selben Löffel lecken. In Südkorea war eine christliche Sekte das, was in Europa der Apres-Ski war. Gottvertrauen schlägt leider empirisch ziemlich oft in Verantwortungslosigkeit um. Ich würde gerne erst einmal sauber theologisch geklärt haben, wo genau da die Grenze verläuft, bevor ich die Leute zu mehr Gottvertrauen auffordern mag.

Einen schalen Beigeschmack hat für mich die Behauptung, der Tod hätte nicht das letzte Wort, also vor allem dann, wenn sie im Kontext bürgerlicher Mittelstandsgesellschaft ausgesprochen wird. Denn dass „alles gut wird“ heißt dann konkret übersetzt gerne mal: „Es trifft nur die anderen, aber nicht uns“. Seenotrettung anyone? Flüchtlingslager in Griechenland? Von wegen, der Tod hat nicht das letzte Wort. Hat er eben doch.

Es ist im wahren Leben genauso wie in den Katastrophenfilmen der „Alles wird gut“-Helden. Wenn man sich genauer anschaut, wie es abläuft, dann ist es doch meistens so, dass zwar die ganze Welt zerstört wird und viele, viele Leute gestorben sind – aber die wichtigsten Protagonisten, die, mit denen „wir“ uns identifizieren, die überleben am Ende. Alles wird gut, das heißt im Kontext unserer Kultur leider – für UNS wird alles gut, es sterben zum Glück nur die anderen.

Hin und wieder natürlich muss sich auch einer „von uns“ opfern. Der Held, der sein Leben aufs Spiel setzt. Kommt auch irgendwie bekannt vor?

Ich bin schon länger der Überzeugung, dass die gängigen Hollywood-Narrative nichts anderes sind als eine säkularisierte und banalisierte Variante der christlichen Mythologie. Der Messias, der sich opfert, damit die Hauptpersonen (wir, nicht die anderen!) überleben. Kreuzigung und Auferstehung, hundertfach verfilmt, immer und immer wieder, bis wir diese Geschichte für den alternativlosen Lauf der Dinge halten, die natürliche DNA einer Gesellschaft.

Mein Verdacht – oder nein, meine Hoffnung, mein Glaube – ist allerdings, dass die ursprüngliche Botschaft vom Reich Gottes eine andere war.

Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, das war aus der Sicht der Freundinnen und Freund Jesu ja eine greifbare Sache. Schließlich war Jesus gerade gestorben. Aber trotzdem, trotz dieser Niederlage, so stelle ich mir das vor, gab es Leute, die an seiner merkwürdig törichten (für die Heiden), ärgerlichen (für die Juden, also die Eigenen) Ethik festgehalten haben: Die andere Wange hinzuhalten, nicht nur die Nächsten, sondern auch die Feinde lieben, Arme und gesellschaftliche Ausgestoßene in den eigenen Kreis aufnehmen, weltliche Güter hergeben und teilen, solche Dinge.

Dass jemand sagt: Der Tod hat nicht das letzte Wort – das ist nichts, was man anderen predigen kann, finde ich. Das ist nur etwas, das man für sich selbst glauben kann oder nicht, und ob man es glaubt oder nicht, das erweist sich erst in dem Moment, wo man selbst stirbt, oder wo jemand sehr Nahestehendes stirbt. Mal sehen, ob man das dann noch glauben kann. Ich hoffe, das, aber ich weiß das nicht sicher genug, um es anderen aufzusagen. Genauso wenig, wie ich weiß, ob nach der Corona-Pandemie wirklich wieder alles (oder immerhin vieles) gut wird.

Klar, es mag helfen, zu wissen, dass es schonmal Leute gegeben hat, die das geglaubt haben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Schön für sie. Vielleicht kann ich das ja auch, vielleicht können wir miteinander überlegen, ob das sein kann, ob man es so sehen kann, ob man aus diesem Gedanken etwas Fruchtbares machen kann, vielleicht. Vielleicht schöpfen wir Kraft daraus, oder immerhin einige von uns. Das wäre schön. Das ist zu hoffen. Darum kann man Gott bitten.

Aber man kann es nicht anderen predigen. Schon gar nicht, wenn man selbst höchstwahrscheinlich gar nicht betroffen ist. Weil man mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit auf der Seite der Gewinner*innen steht, auf der Seite derer mit dem geringen Risiko, auf der Seite der Glücklichen, die bei Robert Emmerich am Ende die Katastrophe überlebt haben.

Ich glaube jedenfalls, dass Christi Auferstehung etwas anderes bedeutet als das.

8 Kommentare zu „Der Tod hat nicht das letzte Wort? Das kann man so nicht sagen, finde ich.

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  1. Mein Credo:
    Der Engel steht immer noch vor dem Paradies, und wir leben immer noch auf dieser Seite der Tür. Auch wenn ich die Hoffnung teile, dass der Weg insgesammt offen ist, wenn es mal drauf ankommt.
    Bis dahin ist das manchmal ziemlich grausam.
    Ich bin leider immer wieder mal dabei. Zum Glück bisher nicht selbst betroffen, und wenn, dann ist es irgendwie noch gerade eben gut gegangen.

    Und die Bibel wir für mich zunehmend zu einem Buch, dass sich genau mit diesem Sachverhalt auseinander setzt.
    Dass es Streit bis zum Totschlag in den Familien gibt.
    Dass es Krankheit, Krieg und Tod gibt, Glück und Glück, Liebe und Hass, Zweifel und Zuversicht.
    Und dass wir trotzdem nicht die Hoffnung verlieren.

    In den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass ich ein gläubige Agnostiker bin.
    Der Glaube hat mich nicht losgelssen. Ich weiß nicht warum.

    Ich weiß auch nicht, ob es Gott gibt oder nicht oder ob der Tod das letzte Wort hat oder nicht.
    Auf der Ebene dessen, was ich wissen kann, wo jemand Versuche machen und Theorien aufstellen kann, da bin ich völlig hilflos. Wie alle anderen Menschen auch. Ich weiß es nicht. Und die Vorstellung eines Gottes als Teil eines Experiments, in dem seine Eigenschaften erforscht werden, erscheint mir als zutiefst gotteslästerlich.

    Aber das Vertrauen, dass am Ende doch irgendwie alles wieder gut wird, hat mich bisher nicht verlassen. Ob es so bleibt? Keine Ahnung. Was übrigens nicht ausschließt, dass ich vor manchen Dingen im Leben einen ganz schönen Bammel haben kann.
    Aber selbst, wenn es tatsächlich mit dem Tod alles aus sein sollte, so empfinde ich meinen Glauben als eine Form des Protestes dagegen. Es kann und darf einfach nicht sein.
    Und das Vertrauen hat mich bisher nicht losgelassen, dass es nicht das letzte ist.

    Leben ist Risiko. Es gibt keine Sicherheit. Nicht in der Wissenschaft, nicht im Glauben.
    Auch wenn man Risiken sinnvollerweise minimiert. Mein Glaube sagt: Gott hat uns dazu den Verstand gegeben.
    Leben ist Risiko und Glaube ist Risiko.

    Das Kreuz zu Karfreitag ist für mich das Symbol, dass unsere Glaube, soga runser Gott sich diesem Risiko aussetzt.
    Und Ostern ist das Symbol der Hoffnung, dass es gut ausgehen wird.

    Ich hoffe es.

    Und dann gibt es noch Situationen, in denen ich das nicht so halbwegs theoretisch abhandeln kann.
    Wo Menschen es gerade nicht brauchen, meinen Zeifel, ob es wirklich gut ausgeht.
    Die stecken gerade in der berühmten Sch…e, und die brauchen jetzt eine starke Schulter und jemanden, der ihnen sagt: Es wird gut.
    Dann sage ich das hoffentlich.
    Um über meine Zweifel zu sprechen gibt es dann sicher noch mal eine bessere Gelegenheit.

    Aber wenn ich relativ gemütlich in einer Predigt bin, in der alle recht sicher auf einem Stuhl sitzen, ist wohl eher keine solche Situation.

    Ich könnte auch kurz sagen: Ich kann Weihnachten oder Ostern nicht mehr ohne Karfreitag predigen.
    Aber eben auch nicht umgekehrt.
    Solange ich spüre, dass der Glaube mich nicht losgelassen hat. Das habe ich nicht in meiner Hand.

    Soweit meine Gedanken und mein Glaube zu diesem wichtigen Thema.

  2. Hallo, danke für die kritischen Worte. Sie hinterfragen – zurecht – die Verkündigungen der Kirchen. Auch wenn ich sie teils unterstütze, weil ich selbst aus der Zunft bin, so finde ich doch, dass das ständige Reden von „der Tod hat nicht das letzte Wort“ auch jede andere Religion sagen könnte. An irgendeine Form des Weiterlebens glauben alle großen Religionen. Somit hat generell – ob mit oder ohne Glaube christlicher Art – der Tod nicht das letzte Wort.
    Was die Oster-Botschaft einfach klarer sagen sollte ist die Auferstehung auch des Leibes. Für manche ein noch größerer Akt des Glaubens. Aber Paulus hat es selbst klar und deutlich gesagt, dass wenn Jesus nicht auferstand, gibt es auch keinerlei Auferstehung, auch für die gläubigen Nachfolger Jesu. (Nachzulesen im 1. Korintherbrief Kapitel 15).
    Ich glaube, Ihr Post drückt eine wichtige Schwachstelle der christlichen Verkündigung auf. „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ ist einfach viel zu wenig. Und ich kann verstehen, wenn es mancher als billigen Trost empfindet.
    Wenn da nicht eine echte große Freude kommt, die vieles Schöne, was wir (trotz Enttäuschungen) auch schon hier erleben, auch später noch neu und absolut ungetrübt erfahren lässt, müssen wir uns fragen, warum wir dann überhaupt noch Hoffnung leben, predigen und nicht zuletzt an ihr festhalten sollten. Immerhin ist es ja noch Inhalt der Hoffnung, aber etwas, das man schon sieht, fühlt oder statistisch berechnen kann, ist kein Inhalt von Hoffnung, sondern – emotional oder intuitiv gesagt – menschliche Wahrscheinlichkeit.
    Leider habe ich aktuell keinen passenden und ergänzenden Post, da ich aktuell ein Blog neu begonnen habe. Aber gerne können Sie auch in meinem alten, noch auffindbaren stöbern. http://www.dorfpastors.blogspot.com Und neu: http://www.dorfpastor.wordpress.com
    Hoffentlich haben Sie irgendetwas Schönes an Ostern erlebt. Ich wünsche Ihnen dazu die Fortsetzung.

  3. Wir brauchen eine Reform des Kirchenchristentums. Zum Beispiel muss der Theismus durch den Pantheismus ersetzt werden. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

  4. „Der Tod hat nicht das letzte Wort – das ist nichts, was man anderen predigen kann, finde ich.“
    Finde ich auch. Es hilft nicht den Trauernden, sondern den anderen, die dummerweise kondolieren müssen und häufig dummes Zeug reden. Sie können sich ihre Hilflosigkeit angesichts der Trauernden nicht eingestehen. Nicht religiös heißt das: Kopf hoch! Ohren steif halten! Wird schon wieder!
    Man kanns auch gefühlig singen, ich find‘s grauenvoll:
    Freunde, dass der Mandelzweig
    Wieder blüht und treibt,
    Ist das nicht ein Fingerzeig,
    dass die Liebe bleibt?
    Tausende zerstampft der Krieg,
    Eine Welt vergeht.
    Doch des Lebens Blütensieg
    Leicht im Winde weht.

    Mir ist ein anderes Lied sympathischer:
    Sag mir wo die Gräber sind,
    Wo sind sie geblieben?
    Sag mir wo die Gräber sind,
    Was ist geschehen?
    Sag mir wo die Gräber sind,
    Blumen wehen im Sommerwind
    Wann wird man je verstehen?
    Wann wird man je verstehen?

  5. ich habe deinen Artikel mit Interesse gelesen. Wenn ich dich richtig verstehe, wendest du dich gegen Phrasen, die die Situation der Leidenden und Sterbenden nicht ernst nehmen, die aus der Position der Satten und Gesunden sprechen und am Leid der anderen nicht wirklich Anteil nehmen. Solche Phrasen sind schlimm, denn mit ihnen stellt sich der Mensch nicht an die Seite der Sterbenden und verschlimmert dadurch nur ihr Leiden. Solch ein Mensch sieht nur das eigene Leben, nicht aber den Tod der anderen.

    Um wirklich trösten zu können, müsste man das Schicksalhafte und Willkürliche des Todes anerkennen und zugleich unsere Wehrlosigkeit gegen ihn. Man müsste das Ausgeliefertsein und die Angst der Sterbenden teilen und mit ihnen gegen den Tod aufbegehren. Das kann man aber nicht, wenn man ihn mit einer billigen Phrase wegwischt.

    Ich denke, der Satz vom letzten Wort verliert nur dann seine Phrasenhaftigkeit, wenn er aus dieser Teilnahme am Leid des Sterbenden heraus gesprochen ist, also aus dem Mit-Leiden heraus. Nicht aus der Position des Gewinners und Lebenden, sondern aus der des ebenso Ausgelieferten und mit dem Sterbenden jedenfalls emotional Mitsterbenden. Ich denke, aus dieser Nähe zum Sterbenden kann man solch einen Satz sagen.

    Sagen heißt: seinen eigenen Glauben bekennen. Den Glauben daran, dass das Reich Gottes sowohl eine diesseitige Dimension hat als auch eine jenseitige. In beiden Dimensionen geht es um ein neues Leben: das eine im Diesseits im Vertrauen zu Gott und in der Liebe zu den Mitgeschöpfen; das andere im Jenseits in der ewigen Gemeinschaft mit Gott und den Mitgeschöpfen, in der es kein Leid und keinen Tod mehr gibt. So jedenfalls verstehe ich das biblische Reden vom Reich Gottes.

    Ich finde, wie man die diesseitige Dimension des Reiches Gottes bezeugen kann und auch sollte (Gottvertrauen im Zweifel, Nächstenliebe im Sich-Verfehlen), so kann und sollte man auch die jenseitige Dimension bezeugen (Hoffnung auf ewiges Leben in der Angst vor dem Tod). Das zu bekennen und zu bezeugen heißt aber nicht: diesen Glauben vom anderen einfordern, ihm mit Unheil drohen, ihn unter Druck setzen, ihn verurteilen (Jesus: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet”; Mt 7,1; vgl. Lk 6,37). Stattdessen sollte man sich bewusst sein: Es zeigt sich erst, wenn es ans eigene Sterben geht, ob der Glaube an ein Leben im Jenseits nur eine Phrase ist oder tief in der Seele verwurzelt. Da kann sich keiner sicher sein, und du bemerkst zu recht, dass man um den festen Glauben nur Gott bitten kann.

    Interessant finde ich auch deine Frage, wo die Grenze zwischen Gottvertrauen und Verantwortungslosigkeit verläuft (wenn ich die Frage richtig verstanden habe). Ich würde sie so beantworten: Die Grenze verläuft dort, wo das Gottvertrauen sich auf eine Beziehung des Glaubenden zu Gott reduziert; dort, wo die Mitgeschöpfe aus dieser Beziehung ausgeklammert werden. Ich verstehe die biblischen Aussagen zum Glauben so, dass es die Beziehung zu Gott nur unter Einbeziehung der anderen Geschöpfe Gottes gibt. Das könnte dann so aussehen: Ich vertraue auf Gottes Geleit („Der Herr ist mein Hirte”; Ps 23,1) und kann gerade deshalb mich selbst zurücknehmen zugunsten der Anderen. Ich weiß mich versorgt vom guten Hirten und muss deshalb nicht mit anderen um meine Lebensgrundlagen konkurrieren, sondern kann sie mitversorgen. Konkret gesprochen: Ich kann meinen Glauben eine Zeit lang leben, ohne mich mit anderen Christ*innen zu versammeln. Ich kann auf das gemeinsame Abendmahl verzichten und dennoch die Hingabe Jesu feiern.

    Der Glaube ist keine ausschließende Zweierbeziehung zwischen Gott und mir. Er nimmt vielmehr die ganze Schöpfung in meine Beziehung zum Schöpfer hinein. So wie schon zwischenmenschlich eine Liebesbeziehung zwischen Zweien die ganze Welt mit liebevollen Augen sehen lässt.

    So jedenfalls stellt sich mir die Sache dar.

    Vielen Dank und viele Grüße
    Klaus

  6. Danke, liebe Antje, für diese klugen Gedanken. Mir sind dazu viele Fragen und Assoziationen gekommen.

    Ist Auferstehung für dich eine Metapher? Verstehst du sie so, dass Jesu Ethik, Mitmenschlichkeit und Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft in den Jünger:innen auferstanden sind oder weiterleben? Und in uns auferstehen, weiterleben, wenn wir solidarisch handeln, Utopien entwickeln, Hoffnung nähren?

    „Gottes letztes Wort“ heißt ein Buch des katholischen Theologen Hansjürgen Verweyen, dessen Kern ich so in Erinnerung habe, dass es ihm darum ging, dass sich in Jesu Sterben – und darin, dass er dabei mit Gott in Verbindung blieb, auch im Leid – Gottes Zuwendung zu den Menschen zeigt. Und zwar die letzte, einerseits im Sinne von: er hat schon vorher zu Israel gesprochen, zu Abraham, zu Mose. Andererseits im Sinne von letztgültig, ultimativ: mehr geht nicht.
    Die Auferstehungsberichte der Evangelien, die später hinzugefügt wurden, sind demnach theologisch nicht so fruchtbar. Gott spricht vielmehr im Tod Jesu sein letztes Wort, seine Zusage, im Leiden da zu sein. Ist das nun eine Hoffnung, ein Lichtblick – oder billiger Trost?

    Ich habe jetzt selbst von weiterleben gesprochen, und das ist ja Teil deiner Kritik, dass viele erst einmal nicht sterben und von ihrem recht komfortablen Standpunkt aus dem Tod das letzte Wort absprechen und so den Tod der anderen ignorieren, negieren. Und vielleicht auch das eigene Sterben schönreden. Auferstehen ist ja noch etwas anderes, das nach dem Tod kommt, oder auch nicht.

    Von der Vorlesung habe ich noch zwei weitere Aspekte im Sinn. Begründet wird die Fundamentaltheologie oft mit einer Aussage aus dem Petrusbrief (1 Petr 3,15): „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Das finde ich wichtig und legitim: über Hoffnung Auskunft zu geben. Das ist für mich noch offen, was genau in Bezug auf Auferstehung meine Hoffnung ist.
    Das andere ist ein Zitat aus der „Pest“ von Camus, die ja gerade viel gelesen wird: „Da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es vielleicht besser für Gott, wenn man nicht an ihn glaubt und dafür mit aller Kraft gegen den Tod kämpft, ohne die Augen zu dem Himmel zu erheben, wo er schweigt.“

    Auch die niederländische Jüdin Etty Hillesum legt in ihrem Tagebuch das Gewicht auf das, was wir tun können – aber gerade um Gott zu retten – und nennt das Auferstehung:
    „Nur dies eine wird mir immer deutlicher, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.“

    Zwei literarische Assoziationen und ein Lied:
    Das Gedicht „Auferstehung“ von Marieluise Kaschnitz verbindet diesseitige und jenseitige Auferstehungshoffnung:

    Manchmal stehen wir auf
    Stehen wir zur Auferstehung auf
    Mitten am Tage
    Mit unserem lebendigen Haar
    Mit unserer atmenden Haut.

    Nur das Gewohnte ist um uns.
    Keine Fata Morgana von Palmen
    Mit weidenden Löwen
    Und sanften Wölfen.
    Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
    Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
    Und dennoch leicht
    Und dennoch unverwundbar
    Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
    Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

    Eine gute Beschreibung des diesseitigen, hoffenden Daseins finde ich das Gedicht „Was wahr ist“ von Ingborg Bachmann, hier die erste und die letzte Strophe:

    Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
    was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
    als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
    was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

    […]

    Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
    doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
    Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
    dem unbekannten Ausgang zugewandt.

    Ähnlich sagt sie es in ihrer Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959:
    Wer, wenn nicht diejenigen unter Ihnen, die ein schweres Los getroffen haben, könnte besser bezeugen, dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück, dass man, um vieles beraubt, sich zu erheben weiß, dass man enttäuscht, und das heißt, ohne Täuschung, zu leben vermag. Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.

    Ein Taizé-Lied

    De noche iremos, de noche
    que para encontrar la fuente
    sólo la sed nos alumbra
    sólo la sed nos alumbra.

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