Wenn DÄRRRR HÄRRRR dich in Großbuchstaben anschreit

Heute die Basisbibel bekommen. Dachte, das sei ein schönes Projekt, eine Bibel in verständlicher Sprache, juchei: Eine neue Übersetzung in klaren, einfachen Sätzen, ohne Verschachtelungen und Schnörkel (allerdings nicht mit „Leichter Sprache“ zu verwechseln).

Vorneweg, das mit der Verständlichkeit ist tatsächlich gelungen. Aber trotzdem kann ich diese Bibel nicht lesen. Denn durchgängig wird darin der Gottesname JHWH mit „Der HERR“ übersetzt, auch noch in Großbuchstaben. Ich kann das nicht ertragen, ich kann es nicht lesen, es geht nicht (zumal der Gottesname sehr sehr oft vorkommt).

Wer sich ein bisschen im Internet auskennt, weiß außerdem, dass heutzutage Großbuchstaben bedeuten, dass man jemanden anschreit. Also man schlägt die Bibel auf, erste Schöpfungsgeschichte ist noch ganz okay (weil vom Elohist geschrieben, also Gott heißt da Gott, ganz wunderbar), aber dann kommt die zweite Schöpfungsgeschichte, und in jeder Zeile ein Gott der HERR, es ist nicht zum Aushalten.

Auf Twitter habe ich darüber ein bisschen diskutiert, viele geben mir recht mit der Kritik, aber fragen, was denn die Alternative wäre. Die Bibel in gerechter Sprache (die für den Gottesnamen unterschiedliche Übersetzungen anbietet) finden viele zu kompliziert, und ich sehe auch ein, dass das zu komplex ist für eine Basisbibel, die ja gerade Schwellen für die Lektüre senken will.

Ich frage mich allerdings, was dagegen spricht, Gott einfach durchgehend Gott zu nennen. Ich wundere mich schon über den mehrfach vorgetragenen Einwand, man müsse doch zwischen den verschiedenen Gottesbezeichnungen in der hebräischen Bibel beim Übersetzen unterscheiden. Zur Erläuterung für alle, die nicht Theologie studiert haben: Die hebräische Bibel hat mehrere Bezeichnungen für Gott, sie kennt „Gott“ als Gattungsbezeichnung (da es im Polytheismus ja mehrere Götter gibt), sowie „JHWH“ als (unaussprechlichen) Namen für den EINEN Gott.

Aber wir leben doch inzwischen schon lange im Monotheismus. Das Argument ist nur noch von historischem Interesse. Ganz abgesehen davon, dass „Der HERR“ ja nun grade überhaupt kein Name ist, sondern eine Umschreibung, eine Über-Schreibung Gottes mit einem ganz bestimmten innerweltlichen Bild. Es ist nicht nur unerträglich patriarchal und herrschaftsverherrlichend, Gott durchgängig als „HERREN“ zu bezeichnen, es ist auch ein direkter Verstoß gegen das erste Gebot (Du sollst neben mir keine anderen Götter haben und dir kein Bildnis von mir machen).

(Wenn auch nur das das Problem wäre, könnte man ja GOTT wenn man das unbedingt kenntlich machen will).

Irgend ein Witzbold schrieb gestern noch, er könne in „Der HERR“ kein Gender erkennen. Sowas macht mich sprachlos, was soll man darauf antworten?

Zu dem häufig vorgebrachten Argument, dass die Bezeichnung „HERR“ für Gott doch „gerade die Infragestellung und Relativierung aller sich zu Herren aufschwingen wollenden menschlichen Herrscher“ sei – das bezweifle ich. „For the master’s tools will never dismantle the master’s house“, wie Audre Lorde schrieb. Man kann Herren nicht mit noch herrlich-herrischeren Herren bekämpfen. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt , dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der jahrhundertelang gepflegten Vorstellung von Gott als „Der HERR“ und der Tatsache, dass gerade Herrschaftsregime mit starken Führern, die sich verHERRlichen lassen, diesen Gott so wunderbar für sich vereinnahmen und instrumentalisieren können. Solange wir Gott als Den HERRN beschreiben, ist es kein Wunder, wenn Herren wie Trump, Putin, Bolsonaro, Erdogan (ja, funktioniert auch im Islam so) da applaudieren! Und wenn, andersrum, Leute, die so ein Bild von Gott pflegen, diesen Autokraten hinterherlaufen und ihnen Macht geben!

Wir Menschen sind als Gottes Ebenbilder geschaffen. Ja, Gott ist die ganz Andere, aber wir können nicht einfach trennen zwischen unserem Gottes- und unserem Menschenbild. Es gibt eine christliche Tradition der „Theosis“, worin der Auftrag der Menschen wäre, sich dem Göttlichen anzugleichen. Und natürlich ist das auch in der Reich Gottes-Theologie drin – danach zu streben, Gottes Willen zu tun, bedeutet unweigerlich auch ein sich Annähern an das göttliche Ideal. Wie wir uns Gott vorstellen ist nicht harmlos, sondern es gibt einen direkten Zusammenhang damit, wie wir uns uns selbst vorstellen, welchen Idealen wir anstreben, worum wir uns bemühen.

Und: Man muss sich nicht wundern, dass immer mehr Menschen heute nichts mehr mit Gott anfangen können. Und es gibt eine klare Tendenz: Je fanatischer, intoleranter, menschenverachtender Leute sind, umso mehr schreiben sie sich Gott auf die Fahnen. Während die vernünftigen sich abwenden. Und ich kann es ihnen nicht verdenken. Die Leute sind der „Herren“ überdrüssig, und zu recht und zum Glück.

Deshalb: Diese Bibelübersetzung ist häretisch, und ich finde, wir sollten so etwas nicht mehr tolerieren, nicht mehr einfach darüber hinwegsehen (nach dem Motto: Aber der Rest ist doch gut oder sie meinen es doch nicht böse oder ja, ist nicht schön, aber doch keine so ganz große Katastrophe).

Es ist eben bei der Bibel wie bei guten Filmen: Eine schlechte Synchro kann das ganze Ding komplett verhunzen, auch wenn es im Original eigentlich ganz gut ist. (Ich verstehe die Muslim:innen, die darauf bestehen, dass der Koran im Original gelesen werden muss, ziemlich gut, sorry, Luther).

PS: Noch etwas grundsätzlicher bin ich das Thema vor einigen Jahren in meinem Text „Mutter Unser“ angegangen.

PPS: Was ich auch nicht so ganz gelungen finde, sind viele der an den Rand geschriebenen Interpretationen, die die Bedeutungsweite der Bibel meiner Ansicht nach unnötig einschränken. Teilweise werden Sachen erklärt, die gar nicht unverständlich sind, wie zum Beispiel dass „Wach auf“ ein Weckruf ist. Aber okay, damit hätte ich leben können. Mit der Gleichsetzung von JHWH mit DÄRRRR HÄRRRRRR kann ich nicht mehr leben.

PPPS: Was ich hingegen wirklich lustig finde, ist das auf Facebook und Twitter jetzt schon einige geglaubt haben, in der Basisbibel stehe tatsächlich DÄRRRR HÄRRRR (obwohl in Wahrheit dort nur Der HERR steht). Das wäre doch mal lustig, vielleicht will jemand ein Kunstwerk machen mit DÄRRRRR HÄRRRRR ? Das stelle ich mir cool vor. Hätte ich eine Kirche, würde ich ein Banner dranhängen mit „DÄRRRRR HÄRRRRR hat keine Macht mehr über euch, kommt zu Gott“ (oder sowas in der Art).

PPPPS: Sehr viel Spaß machen würde mir eine Aktion, die ganzen HERREN aus der Basisbibel rauszustreichen, aber das wirkt nur schön in satt schwarz und leider sind die Seiten dafür viel zu dünn. Würde alles durchscheinen. Aber vielleicht als Kunstwerk mit einzelnen Doppelseiten?

PPPPPS: Wo ich grade in Rage bin kann ich ja noch eine neue These droppen: Die Gleichsetzung von JHWH mit „DER HERR“ ist nicht nur maskulinistisch und herrschaftsideologisch, sondern auch antijudaistisch. Weil es die Basis dafür ist/war, Christus als „HERRN“ zu behaupten. Thoughts? Grade mal Buber/Rosenzweig gegoogelt, sie übersetzen „Gott JHWH“ mit „ER, Gott“. Gefällt mir auch ganz gut, wenn man es dann abwechseln würde mit „SIE, Gott“. Das würde auch in einer Basisbibel recht gut funktionieren. Stört den Lesefluss kaum.

PPPPPPS: Hier noch ein gelehrter Laberpodcast über den Gottesnamen, für alle, die Zeit und Lust haben, genauer einzusteigen. In unserem Zusammenhang fand ich interessant einen Versprecher, der ziemlich am Anfang des Podcasts vorkommt, wo einer (aus dem Gedächtnis zitiert) sagt: „Es gibt verschiedene Namen für den HERRN“. So passiert das dann, dass nicht mehr „Gott“ die Gattungsbezeichnung ist, sondern „der HERR“ zur Gattungsbezeichnung wird. Genau das ist die kulturelle Häresie, die das Christentum mit der Gleichsetzung von Gottesnamen und HERRENkonzept begangen hat.

3 Kommentare zu „Wenn DÄRRRR HÄRRRR dich in Großbuchstaben anschreit

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    1. @Bernd Kehren – Oh, nee, aber Jüd:innen schreiben da nicht „Herr“ hin. Sondern sie schreiben JHWH. habe vorhin in dem Zusammenhang mal Buber/Rosenzweig gegoogelt. Sie übersetzen an der Stelle „Er, Gott“. Kein „Herr“ weit und breit. Find ich auch eine schöne Variante, in Abwechslung mit „Sie, Gott“, und „Es, Gott“ natürlich. https://bibel.github.io/BuberRosenzweig/ot/1.Mo_2.html

      Jedenfalls: Die maskulinistische, herrschaftsverherrlichende christliche Unsitte, Gott als „Herren“ festzuklopfen, hat weder was mit Treue zum Originaltext zu tun, noch kann man sich dabei hinter dem Judentum. Es ist christliche Hineininterpretation, meiner Ansicht nach häretisch. Ich würde sogar sagen, das Ganze hat auch noch eine antijudaistische Schlagseite, weil genau die Gottesanrede „Herr“ dann auf den „Herrn Jesus Christus“ übertragenwurde.

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