Widerstand und Ergebung: Sich von Dietrich Bonhoeffer inspirieren lassen

(Dieser Text erschien in Publik Forum Extra, März 2023)

„Ich bin ganz überzeugt von dem besten Willen aller Beteiligten; aber allzu leicht hält man ein Gespräch, einen Einfall, eine Hoffnung schon für eine Tat, und ich stelle eigentlich immer wieder mit Verwunderung fest, dass im Grunde … nichts geschehen ist.“  Diese Worte schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer im Februar 1944 im Gefängnis Berlin-Tegel an die Adresse des deutschen Widerstands. Dass „die einfachsten Dinge nicht geschehen“, obwohl die Notwendigkeit dazu eigentlich offensichtlich ist, gilt aber nicht nur für die Haltung vieler Deutscher gegenüber dem Hitler-Regime. Man kann sie ebenso auf die Klimakrise anwenden oder das Massensterben von Flüchtenden auf dem Mittelmeer oder viele andere Probleme.

Warum leisten nicht mehr Menschen Widerstand gegen Unrecht? Warum gibt es zwar große Empörung, wenn Klima-Aktivistinnen Kartoffelbrei auf ein berühmtes Gemälde schmieren (beziehungsweise auf die Glasscheibe davor), aber nicht, wenn ganze Landstriche der Erde unbewohnbar werden oder zahlreiche Menschen nicht genug Geld haben für eine Wohnung, gesundes Essen, menschenwürdige Pflege?

Eine häufig gehörte Antwort ist der Hinweis, dass Protest „ja doch nichts bringt“ oder „dass man da nichts machen“ könne. Ganz im Stile des viel zitierten „Gelassenheitsgebets“ des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Vielen Menschen erscheint es demnach als weise, sich über Sachen, die man sowieso nicht ändern kann, auch gar nicht erst aufzuregen. Je nach Kontext ist das ja auch durchaus klug. Man kann nicht 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche jedes Unrecht anprangern. Wer das versucht, landet schnell im „activist burnout“, also in einer Spirale aus Erschöpfung und Depression. „Pick you fights“ ist nicht zufällig eine im Feminismus seit langem bewährte Maxime: Es ist besser, politische Konflikte gezielt und punktuell zu wählen, als ständig im Dauerstress zu sein.

Doch dieses vernünftige Haushalten mit den eigenen Kräften und Kapazitäten ist etwas völlig anderes als der Versuch, eine klare Unterscheidung treffen zu wollen zwischen Dingen, die man ändern kann und sollte, und Dingen, die man nicht ändern kann und dementsprechend hinnehmen muss. In aller Regel ist nämlich gar nicht klar, was man ändern kann und was nicht – um das herauszufinden, muss man es erstmal versuchen. Politische Transformationen sind kollektive Prozesse, und ob etwas gelingt oder nicht, hängt von vielen Zufällen und Umständen ab. Außerdem stellt sich angesichts von himmelschreiendem Unrecht auch die prinzipielle Frage, ob man es nicht wenigstens versuchen muss, weil man durch Zuschauen mitschuldig wird.

Dietrich Bonhoeffer schrieb 1944 im Gefängnis: „Ich habe mir hier oft Gedanken darüber gemacht, wo die Grenzen zwischen notwendigem Widerstand gegen das „Schicksal“ und der ebenso notwendigen Ergebung liegen. Ich glaube, wir müssen dem „Schicksal“ ebenso entschlossen entgegentreten wie uns ihm zu gegebener Zeit unterwerfen. … Die Grenzen zwischen Widerstand und Ergebung sind prinzipiell nicht zu bestimmen; es muss beides da sein und beides mit Entschlossenheit ergriffen werden.“

Widerstand und Ergebung sind für Bonhoeffer also keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Und zwar deshalb, weil das Gegenüber jeweils ein anderes ist: Widerstand richtet sich gegen irdische Verhältnisse, also zum Beispiel gegen einen Diktator, gegen Machtstrukturen oder Ungerechtigkeiten. Ergebung hingegen richtet sich auf Gott, auf das Unverfügbare, auf „das Schicksal“. Gehorsam gegenüber Gott kann Widerstand gegenüber dem Unrecht geradezu erzwingen.

Schon ein Jahr zuvor, Anfang 1943, hatte Bonhoeffer sich mit der Frage beschäftigt, welcher Typ Mensch in politisch herausfordernden Zeiten in der Lage ist, „standzuhalten“, sich also ernsthaft und effektiv dem Bösen entgegenzustellen. Er unterscheidet sechs Typen, die aber seines Erachtens alle scheitern müssen: Die „Vernünftigen“ versuchen eine rationale Übereinkunft zu erzielen, unterschätzen dabei aber das Problem. Die „Fanatischen“ versteifen sich auf ein reines Prinzip, verheddern sich dabei aber im Unwesentlichen. Die „Männer des Gewissens“ geraten in so viele innere Konflikte, dass sie schließlich gar nichts mehr tun. Die bestrebt sind, ihre „Pflicht“ zu erfüllen, scheitern, sobald sie selbst einmal Verantwortung tragen müssen. Die sich auf ihre „Freiheit“ berufen, laufen Gefahr, moralische Verfehlungen bei sich selbst nicht mehr zu erkennen. Und die „Tugendhaften“ schließlich werden irgendwann die Augen vor der Welt verschließen, denn im schmutzigen politischen Alltag lässt sich eine reine Tugend unmöglich bewahren.

Wer ist es aber dann, der dem Bösen standhalten kann? „Allein der“, schreibt Bonhoeffer, „dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Fragen und Ruf.“

Es ist, mit anderen Worten, der Gottesglaube, der es laut Bonhoeffer erst ermöglicht, Widerstand und Ergebung, politische Entschlossenheit und Demut, zusammenzubringen. Nur, wer nicht sich selbst zum Maßstab des Urteilens macht, kann den Mut, die Gelassenheit, die Geistesgegenwart aufbringen, um in einer konkreten Situation die Entscheidung zu treffen, gegen das Böse aufzustehen, zu handeln, Verantwortung zu übernehmen. Wer ergebungsvoll Widerstand leisten will, muss sich in der Transzendenz verankern.

Das ist ein sehr starker Gedanke, aber gerade hier wird auch deutlich, aus was für einer privilegierten Position heraus Bonhoeffer schreibt. Als handelnde Akteure hat er nur Männer im Blick, und zwar bürgerliche Männer, die wie er selbst qua Herkunft und sozialem Status mit einem bestimmten gesellschaftlichen Einfluss und den damit einhergehenden Handlungsmöglichkeiten ausgestattet sind. Es sind Leute, auf die man hört, deren Wort etwas zählt, die nicht von Selbstzweifeln und Zaudern geplagt sind. An anderer Stelle formuliert er das ausdrücklich: „Es ist der Vorzug und das Wesen der Starken, dass sie die großen Entscheidungsfragen stellen und zu ihnen klar Stellung nehmen können. Die Schwachen müssen sich immer zwischen Alternativen entscheiden, die nicht die ihren sind.“

Bei dieser traditionell „männlichen“ Haltung wird jedoch ein Problem übersehen, auf das heute feministische und postkoloniale Bewegungen hinweisen: Gerade die Starken stehen in der Gefahr, ihre eigenen Wünsche und ihren eigenen Willen als den Willen Gottes auszugeben. Denn auch wenn es richtig ist, dass der Mut zur Standhaftigkeit wächst, wenn man für ein höheres Ziel unterwegs ist und Gott an seiner Seite weiß, so sind doch gerade diejenigen Menschen, die glauben, im Auftrag Gottes unterwegs zu sein, potenziell die gefährlichsten von allen. Denn weil sie im Namen höherer Werte handeln, fühlen sie sich berechtigt, sich über irdische Grenzen – etwa Gesetze, Moral, Regeln – hinwegzusetzen.

Wie destruktiv diese Haltung sein kann, ist während der Corona-Pandemie klargeworden, wo das Nichteinhalten von gesetzlichen Infektionsschutz-Maßnahmen zu politischem Widerstand hochstilisierte und einige sich sogar berechtigt fühlten, anderen Gewalt anzutun, bis hin zum Mord, wie im Fall jenes Tankstellen-Kunden in Idar Oberstein, der einen Mitarbeiter erschoss, der ihn zum Maskentragen aufforderte. Welch gefährliche Dynamik diese Überzeugung, sich im Namen angeblich höherer Werte an keinerlei Prinzipien mehr halten zu müssen, annehmen kann, zeigte der Sturm aufs Kapitol nach den jüngsten Präsidentschaftswahlen in den USA: Die anmaßende Selbstberechtigung zum „Widerstand“ gegen alles, was einem persönlich nicht gefällt, ist inzwischen eine der größten Gefahren für westliche Demokratien.

Man kann zwischen Widerstand und Ergebung also gewissermaßen auf zwei Seiten vom Pferd fallen: Dass Menschen sich selbst göttliche Autorität anmaßen ist eine mindestens ebenso große Gefahr wie die, aus mangelnder Glaubensstärke nicht den Mut zum Widerstand zu finden. Die beiden Gefahren sind dabei unter anderem auch geschlechtsspezifisch konnotiert. Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat das einmal so ausgedrückt: „Die größte Sünde der Männer war es, sich den Frauen gegenüber an die Stelle Gottes zu setzen – und die größte Sünde der Frauen war es, das zuzulassen.“

Frauen wurden, zumindest noch die älteren unter uns, lange dazu erzogen, viel zu oft gehorchen, sich immer in Demut zu üben den Anweisungen „von oben“ unterzuordnen. Männer hingegen wurden traditionell dazu erzogen, stark und selbstbewusst aufzutreten und sich möglichst nichts und niemandem unterzuordnen. Heute ist die Rollenverteilung zwar nicht mehr so eindeutig und ähnliche Unterschiede lassen sich auch entlang anderer sozialer Hierarchien feststellen. Doch nach wie vor ist zutreffend, dass wir im Hinblick auf politisches Urteilen und Handeln nicht alle dasselbe zu lernen haben: Menschen, die zu Demut und Gehorsam erzogen wurden, müssen üben, ihrem eigenen Urteil zu vertrauen, zu widersprechen, Autoritäten zu hinterfragen. Menschen, die durch ihre Erziehung und soziale Position ein Selbstbild der Stärke, des Selbstvertrauens, der Maßgeblichkeit verinnerlicht haben, müssen im Gegenteil lernen, sich selbst zu hinterfragen, der eigenen Urteilsfähigkeit zu misstrauen, auf andere zu hören und von anderen zu lernen.

Es ist kein Zufall, dass heute diejenigen politischen Bewegungen, die am meisten bewirken, die am ehesten Anlass zu Hoffnung geben, von den Menschengruppen getragen werden, die zu den ehemals Marginalisierten gehören und gerade nicht, wie Bonhoeffer dachte, von „den Starken“: Die Black Lives Matter-Proteste in den USA gehen von Schwarzen und andere People of Color aus, die Proteste gegen das Mullah-Regime in Iran von Frauen, die Aktionen gegen das Verschleppen der Klimakrise von Jugendlichen. Widerstand und Ergebung sind, wie Bonhoeffer ganz zurecht feststellte, keine Gegensätze, sondern gehören im politischen Engagement zusammen. Doch es ist eben sorgfältig zu prüfen, wer eher den Widerstand üben sollte, und wem eine größere Portion Demut gut täte. Sich diesbezüglich selbst zu befragen, ist Aufgabe jeder und jedes Einzelnen, es ist aber auch ein Kriterium, an dem politisches Handeln generell bewertet werden muss.

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