Minister*innen ohne göttlichen Beistand?

Heute war viel davon die Rede, dass die meisten Minister*innen beim Sprechen des Amtseids den letzten Satz „So wahr mir Gott helfe“ weggelassen haben.

Yo, nun, kann man sagen, wir sind halt eine säkulare Gesellschaft und die meisten Leute sind halt nicht mehr religiös. Allerdings las ich dann heute diesen Tweet von Hedwig Richter: „Mir fehlt ja das „So wahr mir Gott helfe“. Es ist eine Geste der Selbstrelativierung“ (übrigens mit interessanter Diskussion drunter)…

Und ja, das ist schon bedenklich. Vor allem, wenn man sich den Wortlaut des Amtseides, festgelegt im Grundgesetz, anschaut. Er lautet wörtlich:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“

Wow, was für ein Hammer-Versprechen. Sind die alle Superman and -Woman? Als normales Menschlein kann man doch höchstens versprechen, dass man das versuchen will. Dass man danach strebt. Niemand kann doch die Hand dafür ins Feuer legen, dass zum Beispiel Entscheidungen, die man in bester Absicht trifft, am Ende mehr schaden als nützen. Und wir wissen, dass Menschen nicht in der Lage sind, völlig vorurteilslos gerecht zu handeln. So ein Versprechen abzugeben, dies sogar zu schwören, das ist doch eigentlich eine maßlose Selbstüberschätzung, man könnte auch sagen, das ist von vornherein gelogen.

Wenn am Ende des Amtseids ein „So wahr mir Gott helfe“ steht, klingt das viel weniger großspurig. Denn es drückt aus, dass man bei der Einhaltung des Schwurs quasi noch auf Hilfe „von oben“ angewiesen ist. Es ist eben, genau wie Hedwig Richter schreibt, eine Relativierung der eigenen Fähigkeiten.

Der Satz „So wahr mir Gott helfe“ steht auch im Grundgesetz als Bestandteil des Amtseids, aber mit dem Zusatz, dass „auf die religiöse Beteuerung“ verzichtet werden könne. Aber was heißt denn das, eine „religiöse Beteuerung“? Das tut ja gerade so, als hätte dieser Schlusssatz allein den Sinn, die Sprecher*in als religiöse Person auszuweisen. Aber das ist ja Quatsch. Im Kontext dieses Amtseides hat er eine wichtige inhaltliche Bedeutung.

Nämlich eben genau die, die Großspurigkeit des Schwurs zu relativieren. Je mehr ich darüber nachdenke, ergibt dieser ganze Text ohne den Zusatz eigentlich gar keinen Sinn mehr.

Klar: „So wahr mir Gott helfe“ funktioniert nicht mehr. Aber den Satz einfach wegzulassen, ist halt auch keine Lösung. Stattdessen müssten wir eine zeitgemäße, säkulare Alternative oder Variante dafür finden. Irgend eine Formel, die deutlich macht, dass man sich hier einer Aufgabe verschreibt, die eigentlich übermenschliche Kräfte verlangt. Dass man etwas anstrebt – immer das Richtige tun, allen jederzeit Gerechtigkeit widerfahren lassen – was ein normaler Mensch eigentlich gar nicht schaffen kann.

Wie könnte so eine Formel lauten? Keine Ahnung. Aber man könnte mal drüber nachdenken.

Oder man formuliert den Text vorher schon so, dass er keine Selbstrelativierung mehr nötig hat. Er ist ja sowieso inzwischen arg antiquiert. Das Wort „jedermann“ würde heute sicher auch nicht mehr in eine solche Amtseids-Formulierung geschrieben – ist es eigentlich erlaubt, dieses aus feministischen Gewissensgründen umzuformulieren?

Genauso wie man damals, als das Grundgesetz geschrieben wurde, noch „jedermann“ sagte, wenn man „alle Menschen“ meinte, sagte man „Gott“, um jene Unverfügbare Leerstelle zu benennen, die „über unseren menschlichen Horizont“ geht. Heute benutzt man den Begriff „Gott“ nur noch in dezidiert religiös-kerngemeindlichen Kontexten, aber nicht mehr im Alltag. Deshalb funktioniert dieser Satz als Amtseid nicht mehr.

Aber die Frage ist nicht, ob jemand diesen Satz spricht oder nicht. Sondern was damit inhaltlich gemeint sein soll und wie wir das, was damit gemeint ist, in einer säkularen Kultur formulieren können.

Klar ist: Es ist nicht nur das Wort „Gott“ aus der Mode gekommen, auch große Teile des damit verbundenen religiösen Konzepts sind heute nicht mehr Konsens.

Aber, und das ist der Punkt, auf den ich hier hinauswill: Das dahinter stehende PROBLEM, dass nämlich Menschen fehlbar sind, das ist immer noch vorhanden. Und das ist eine Herausforderung für diesen Amtseid, der so meiner Ansicht nach nicht bleiben kann, wenn der letzte Satz nicht mehr nur noch in Ausnahmefällen, sondern im Normalfall weggelassen wird.

Denn Minister*innen gleich bei ihrem Amtsantritt dazu zu zwingen, Dinge zu versprechen, von denen schon von vornherein klar ist, dass sie sie nicht halten können – das ist ja irgendwie keine gute Lösung.

Oder?

6 Kommentare zu „Minister*innen ohne göttlichen Beistand?

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  1. Aus gutem Grund wird sowohl im NT, aber auch schon im AT, vor Schwüren und Eiden gewarnt. Ich halte sie zudem für absolut nutzlos.

  2. „Es ist nicht nur das Wort „Gott“ aus der Mode gekommen, auch große Teile des damit verbundenen religiösen Konzepts sind heute nicht mehr Konsens.“

    Aber genau das ist das Problem und das ist das eigentlich bedauerliche.
    Ich bin mit meinen 40 schon zu jung um in einer Gesellschaft gelebt zu haben in dem das Konsens war (und ich bedauere das manchmal schon, ob zu Recht oder zu Unrecht weiß ich nicht). Wo die weit überwiegende Mehrheit Mitglied einer Kirche war. Und ich frage mich immer wieder wie das wohl wäre. Ich werde es aber voraussichtlich nicht erleben, und das finde ich manchmal irgendwie schon schade.

    1. Ich weiß nicht, ob man da von besser oder schlechter sprechen kann, es war halt anders. Der Gottesbezug hat so manches Gute hervorgebracht, aber bekanntlich ja auch viel Schlechtes, und ich würde sagen, allein die Tatsache, dass so viele Menschen sich davon abgewandt haben, ist schon auch ein Anzeichen dafür, dass es sich verbraucht hatte, zumindest in der Art wie es geselllschaftlich praktiziert wurde, nämlich halt schon weitgehend patriarchal, autoritär und so weiter.

  3. Der Wortlaut des Eides mit „widmen“, „mehren“ und „üben“ erscheint mir nicht großspurig sondern durchaus im Sinn eines existentiellen So-gut-wie-möglich deutbar.

  4. Das Bewusstsein der Fehlbarkeit des Menschen gehört doch unbedingt zu jedem gewählten Repräsentanten des Souverän (=Volk), das sollte doch auch bei Amtsantritt formuliert werden müssen. Die Erwartungen an Politiker sind hoch, keiner kann ihnen gerecht werden – daher geht es doch um Vertrauen und Verantwortung. Wer übernimmt denn noch Verantwortung für Fehler? – und gegenüber wem? Ich finde es sehr bedauerlich, daß der Amtseid um die Verantwortungspflicht gekürzt wird ohne die Chance einer Neuformulierung

  5. „Als normales Menschlein kann man doch höchstens versprechen, dass man das versuchen will“

    Das wäre nur ein halbherziges Versprechen. Wenn‘s nicht gelingt, kann man sich immer darauf herausreden, man habe es ja versucht, um aus der Haftung für das eigene Tun herauszureden.
    Ein belastbares Versprechen muss sagen: ich werde dies und das tun. Und sich daran messen und richten lassen, ob das Versprechen im Tun erkennbar ist und Erfolge zeitigt. Ob mit oder ohne Gottesbezug.

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