Christentum ohne Inhalt

Ich wollte noch kurz diesen Gedanken hier droppen. Vor ein paar Tagen las ich dieses Interview mit zwei Theologen „Ist Gott passé? Über das Schwinden der Religion.“

Ich finde ziemlich interessant, aber irgendwie auch typisch und gar nicht selten, wie hier Religiosität und Christentum einfach durcheinander geworden werden. Offenbar ist es ganz egal, in welche inhaltliche Richtung das Christentum sich entwickelt, Hauptsache es besteht weiterhin irgendwie als Religion.

Etwa so eine Frage wie ob sich das Christentum in der Esoterik erhalten hat. So ein Quatsch, Christentum ist das Gegenteil von Esoterik. Auch dass eine bestimmte Elite sich dem Evangelikalismus zuwendet ist doch nicht unbedingt etwas Gutes für das christliche Anliegen.

Diese komplette Inhaltsleere der Debatte ist der Kern des Problems. Mir ist ein Christentum lieber, das ausstirbt, als eines das als Zombie und Karikatur seiner selbst weiter lebt. Die christliche Botschaft lautet doch nicht „Seid irgendwie religiös“, meine Güte.

Mir wird jedenfalls immer wichtiger, über das Christentum als eine bestimmte Position, einen bestimmten Glaubens- und Werteinhalt zu sprechen und nicht einfach nur als „Religion“. Einfach nur zu sagen, das Christentum stünde für humanistische Werte generell, das stimmt eigentlich nicht beziehungsweise ist viel zu wenig. Wenn Christentum nur sagt, was jeder vernünftige Mensch sagen würde, brauchen wir es in der Tat nicht, und meiner Meinung nach ist das der wesentliche Grund dafür, warum so viele Leute der Ansicht sind, sie brauchen es nicht.

Das Problem ist, dass die Position des „spezifisch Christlichen“ schon lange von Konservativen Fundis okkupiert ist, und diese herrschaftsförmig-Autoritäre, das Überhebliche und Besserwisserische muss man natürlich bekämpfen. Das ist ein weiterer Grund, warum so viele Leute sich vom Christentum abgewendet haben beziehungsweise andere sich dem harmlos-irrelevanten „Wir haben keine weitere Botschaft außer der normalen Vernunft“ zuwandten.

Der Grund für dieses christliche Abdriften in Herrschaftsideologie war meiner Ansicht nach die Verstaatlichung, die Vermengung mit weltlicher Macht, die sich mit radikalen Inhalten halt nicht verträgt. In Bezug auf das Tötungsverbot habe ich das hier mal für den BR ausformuliert

Mein zentraler Punkt: Es gibt christliche Überzeugungen, die über das, was die allgemeine humanistische Vernunft erkennt, hinausgehen (wenn dich einer auf die eine Backe schlägt, halte auch noch die andere hin, liebe deine Feinde usw.) Und es gibt christliche Überzeugungen, die sich von dem unterscheiden, was vielleicht der Kern des Glaubens anderer Religionen ist (insbesondere: Gott ist ein Mensch). Und solange das nicht erkennbar ist oder formuliert wird, ist das Christentum irrelevant und überflüssig.

Dabei spricht natürlich nichts dagegen, die Gemeinsamkeiten zu betonen. Und man muss ja aus einer abweichenden inhaltlichen Position nicht gleich aggressive Missionierung machen. Leider hat das Christentum das in der Vergangenheit oft gemacht und daher zu Recht einen schlechten Ruf. Und auch die Mission als solche hat daher zu Recht einen schlechten Ruf. Aber die eigenen inhaltlichen Positionen aufzugeben, ist da ja keine sinnvolle Lösung. Besser wäre ja, die Aggressivität und die Überheblichkeit abzulegen, anzuerkennen, dass die eigenen Auffassungen für die Mehrheit etwas skurril wirken müssen, und sie mit einer angemessenen Demut und Sanftmut in den Diskurs einzubringen.

Genau das Gegenteil geschieht aber, wenn man sich zum Beispiel Debatten über Sterbehilfe anschaut. Da wird die radikale christliche Position (man darf unter keinen Umständen töten) als allgemeine ethische behauptet, die ja nicht nur überzeugte Christ:innen, sondern JEDER VERNÜNFTIGE MENSCH angeblich haben muss, un mit großer Verve und politischem Schwergewicht vorgetragen. Abtreibung ist ein anderes Beispiel. Alle, die hier nicht die christliche Meinung vertreten, werden als im Prinzip unmoralisch abqualifiziert.

Zum Glück zieht das immer weniger, weil immer mehr Menschen den christlichen Besserwissern den Vogel zeigen, das Problem ist aber ein anderes: Auf diese Weise hat sich das Christentum gegen Selbstkritik und Selbererkenntnis immunisiert. Es geht ganz selbstverständlich davon aus, dass die eigene Meinung nicht einfach nur die eigene Meinung, sondern die einzig moralisch richtige Meinung ist. Es wird keine Verantwortung übernommen, es wird nicht darüber nachgedacht, welche Schuld man selbst auf sich geladen hat, etwa wenn in lateinamerikanischen Ländern Frauen nach Fehlgeburten im Gefängnis landen, weil man ihnen Abtreibungen unterstellt, oder wenn Menschen am Lebensende wochenlang leiden, weil man sie auch christlicher Überzeugung keinesfalls beim Suizid unterstützen darf. Das alles hat ja angeblich mit dem Christentum gar nichts zu tun, ist nur Missbrauch und Übertreibung, wir waschen unsere Hände in Unschuld, wir haben das Rechthaben eben schon eingebaut wie der Mercedes die Vorfahrt.

Die Menschen, die nicht die traditionell christliche Position einnehmen, die zum Beispiel aus guten moralisch begründeten Erwägungen heraus abtreiben oder Sterbehilfe betreiben – werden dann nicht ernstgenommen, sondern als abgeglittene Sünder hat man mit ihnen höchstens barmherziges Mitleid. Man versteht ihre Not, man verdammt sie nicht (mehr), man lässt vielleicht sogar zu, dass sie ihre sündigen Taten begehen (vor allem evangelischerseits) – aber, und das ist der Punkt, man schaut weiter aus einer hohen moralischen Warte auf sie herab, anstatt sich von ihnen herausfordern zu lassen und sich zu fragen, ob nicht vielleicht SIE die ethisch bessere Position vertreten?

Auf diese Weise macht sich das Christentum unangreifbar, es stellt sich und die eigenen überkommenen Positionen nicht mehr kritisch auf den Prüfstand, mit der Folge, dass es auch keine Antworten auf aktuelle Probleme der Zeit hat. Seine Werte und Positionen sind sozusagen nicht „durchgearbeitet“ in Bezug auf die zeitgenössischen Herausforderungen, sie gerinnen zu Floskeln, die man zwar noch aufsagen, aber im tagesaktuellen Diskurs nicht mehr plausibel begründen kann. So lange, bis man sie vielleicht auch selber gar nicht mehr glaubt. Bis sie scheinheilig werden.

Noch ein letzter Punkt: Wenn ich sage, dass das Christentum bestimmte inhaltliche Positionen vertritt, die sich von denen anderer Religionen und auch dem, was die rationale Vernunft nahelegt, unterscheiden, dann bedeutet das nicht, dass ich darin keinen universalen Anspruch sehe. Die Wette besteht natürlich schon darin, zu behaupten, dass es „der Himmel auf Erden“ wäre, wenn alle Menschen ihre Feinde lieben, die andere Wange hinhalten, unter keinen Umständen mehr töten usw. würden. Aber den Himmel auf Erden kann man halt nicht per Dekret beschließen. Es ist möglich, ihn in der eigenen Gemeinschaft schonmal vorwegzunehmen (wo zwei oder drei…), und auch da hat es schon Auswirkungen. Aber es darf nicht als Distinktionsmerkmal verwendet werden. Der Glaube an das Reich Gottes, die Überzeugung, dass Gottes Wille „höher ist als alle Vernunft“, der drängt sich ja geradezu zur Verkündigung, zur Verbreitung an.

Nur: Diese Verbreitung muss sich dem Diskurs stellen. Das heißt, die Idee, die man „verkündigen“ will, die gute Botschaft, dass eine andere Welt möglich ist, dass gutes Leben für alle keine Spinnerei ist – das muss man argumentieren, das muss man plausibel machen, das muss man beweisen und zeigen, man kann es nicht einfach behaupten. Denn es ist für die Juden (die anderen Religionen) ein Ärgernis, und für die Heiden (die rationale Vernunft) eine Torheit, wie schon Paulus wusste.

Das Christentum muss also nicht nur „sprachfähig“ werden (auch so eine Floskel), sondern sich auch selbstkritisch und ehrlich mit der Kritik der anderen auseinandersetzen, die uns nämlich sagen, was wir wollen und glauben, das sei unrealistisch, habe selber wieder negative Folgen usw., mit anderen Worten, die uns vorwerfen, WIR seien die Unmoralischen. Wir können nicht länger einfach behaupten, dass das nicht stimmt, sondern wir müssen das beweisen, bewahrheiten, vorleben. Leider ist die Bilanz unterm Strich momentan nicht so gut.

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