Warum es so zäh ist, mit Pfarrer*innen oder Theolog*innen zu diskutieren

xxxxx Achtung Rant xxxxx

Was mir im Umgang mit Pfarrern (seltener, aber auch, Pfarrerinnen) häufig auffällt und mich stört und, wie ich glaube, ein wichtiger Aspekt beim Bedeutungsverlust der Kirchen und der christlichen Theologie ist: Wenn sich eine Meinungsverschiedenheit auftut, also ich etwas rund um das Themengebiet Glaube, Religion usw., ANDERS sehe als sie, schalten sie irgendwann – und zwar eigentlich ziemlich schnell – vom Modus „Diskussion, Streit, Argumentationsaustausch“ um in den Modus „Ich erklär dir das mal“.

Das heißt, sie erwecken den Eindruck (vielleicht nicht mal mir gegenüber, sondern sich selbst gegenüber?), dass da gar nicht wirklich ein Streit, eine Auseinandersetzung, eine Meinungsverschiedenheit ist zwischen uns beiden, sondern DASS ICH DAS EINFACH NOCH NICHT RICHTIG VERSTANDEN HABE.

Da beißen sie bei mir natürlich auf Granit, aber ich könnte mir vorstellen, dass das bei anderen Leuten, die keine theologische Ausbildung haben, nicht so ist. Zumal sie dann ja irgendwann mit ihren theologischen Vokabeln um sich werfen können, bei denen normale Leute sowieso gleich kapitulieren müssen, weil sie kein Bestandteil des zeitgenössischen Diskurses mehr sind.

Diese Haltung, liebe Theolog_innen, ist der Tod im Topf. Denn dann hat irgendwann niemand mehr Lust, sich noch mit euch zu unterhalten.

Am Ende bleibt dann nichts mehr als bunte Kacheln, in denen banale Spruchweisheiten mit Bibelversangaben und kitschigen Blümchen auf Insta gedruckt werden.

Es ist weniger ein kommunikatives Versagen als ein intellektuelles Versagen. Ich glaube, dass viele Theolog_innen heute wirklich glauben, ihr Problem sei, dass sie sich und die christlichen Inhalte nicht gut vermitteln können. Dass es an der berühmten „Sprachfähigkeit“ fehlen würde. Dass die Leute die „religiöse Grundbildung“ verloren hätten und man sie deshalb ansprechen muss wie kleine Kinder, denen man GAAANZ einfach erklärt, was ein mal eins ist.

Aber das Problem, liebe Theolog_innen, ist nicht, dass die Leute euch nicht verstehen oder ihr es nicht schafft, die ungeheuer komplexen Aspekte christlicher Positionen zu formulieren, sondern dass zahlreiche dieser Positionen heute womöglich eben nicht mehr geteilt werden. Ihr solltet zumindest mal die Möglichkeit in eurem Kopf zulassen, dass euer Gegenüber tatsächlich ein bisschen Bescheid weiß, aber bewusst etwas anderes meint und glaubt als ihr (oder eure Institution).

Und dann wird die Debatte fast schon reflexhaft, ich habe den Eindruck, die Leute verteidigen dann was, von dem sie gar nicht genau wissen, was es eigentlich ist, nur dass es ihr Job ist, das zu verteidigen – und zwar eben dann in der oben beschriebenen Form, nicht als Argumentation, sondern als Erklärung. Sie erklären mir dann, warum ich nicht recht habe (anstatt zu begründen, warum sie anderer Meinung sind).

xxxxx Rant Ende xxxxx

4 Kommentare zu „Warum es so zäh ist, mit Pfarrer*innen oder Theolog*innen zu diskutieren

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  1. Liebe Antje,

    mit diesem Rant sprichst Du mir aus der Seele!

    Ich lebe zurzeit in England und schreibe gerade – als Nicht-Theologin – eine Doktorarbeit in Philosophie zu ‘Gott und Gender‘ (sehr grob zusammengefasst) und erlebe genau das! Ich beziehe mich auf die mystische Theologie (Achtung Esoterik-Gefahr!), v.a. auf Meister Eckhart (Achtung Häresie-Gefahr!) und Teresa von Avila (Achtung Hysterie-Gefahr!). Und immer dann, wenn ich eine Position beziehe, die nicht der traditionellen Theologie entspricht (insbesondere, wenn diese Position die Hierarchie zwischen Mensch und Gott relativiert), kriege ich von meinem theologischen Betreuer erklärt, dass ich entweder Meister Eckhart falsch verstanden habe oder die klassische Theologie oder beides oder dass ich anachronistisch interpretiere oder einfach Behauptungen aufstelle oder Aktivismus betreibe. Ich kann dem dann immer recht wenig entgegensetzen, aber an allen anderen Stellen meiner Arbeit mache ich scheinbar solide akademische Arbeit – so denke ich jedenfalls.

    Das Ganze funktioniert aber auch rückwirkend. So gilt Meister Eckhart (seiner Zeit schon von Theologen falsch verstanden und der Häresie angeklagt) als brillanter Theologe und präziser Denker, aber immer dann, wenn er mit einer Aussage von der traditionellen Theologie abweicht, kriege ich erklärt, dass er sich dann doch

    a) An dieser Stelle Missverständlich ausdrückt oder inkonsistent argumentiert
    b) an dieser Stelle selbst nicht so richtig versteht
    c) zwar so ausdrückt, aber in Wirklichkeit und eigentlich alles genauso meint wie Thomas von Aquin (mittelalterliche Dominikanermönche haben nämlich grundsätzlich alle so gedacht – Theologen von heute wissen das)

    und wenn das alles nicht weiterhilft, gibt es noch

    d) da hat die mündliche Überlieferung seine Aussage bestimmt verzerrt.

    Mit Teresa von Avila ist das etwas einfacher, weil die war ja nur eine untheolgische Frau. Mit der kennt sich mein Betreuer gleich von vornherein nicht aus. Es gibt außerdem kaum Sekundärliteratur, die sich mit ihren Gedanken und ihrer Lehre beschäftigt, sondern entweder ihre sogenannte Hysterie analysiert oder sie auf ihre Erfahrung/ Körperlichkeit reduziert (beides leider auch oft von feministischer Seite).

    Man darf also gespannt sein, ob ich nächstes Jahr meine Verteidigung gegen gestandene Theolog*innen überstehen werde oder ob die mich mit ihren Datenbanken zu Thomas von Aquin und anderen vom akademischen Parkett pusten, bevor ich es überhaupt betreten habe.

    Auf diese Weise wird es einem schwer gemacht, neue/ andere Ansätze zu denken. Diskurse über Spiritualität verschwinden so aus der Wissenschaft und Öffentlichkeit, und während Theolog*innen althergebrachte abstrakte Probleme im Elfenbeinturm diskutieren, bedienen ultrakonservative Kirchen die spirituellen Bedürfnisse der Menschen mit einfachen Konzepten und Heilsversprechen und gewinnen Mitglieder.

    Auf jeden Fall stimmt Deine Schlussfolgerung, denn ich habe mir schon mehrmals vorgenommen, dass ich nach der Uni nicht im akademischen Universum bleibe, sondern lieber als Kontemplationslehrerin lehre und mit Menschen diskutiere, die ernsthaft auf spiritueller Suche sind.

    In diesem Sinne: Frohe Ostern! 😊

      1. Den Aufsatz kannte ich noch nicht. Vielen Dank! Sehr interessant! Und interessant ist auch, dass immer wieder Menschen, die nicht religiös sind Teresa spannend finden.

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