Ist Gott plausibel?

Jörg Phil Friedrich: Der plausible Gott. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2019, 208 Seiten, 29 Euro.

1906 der Plausible GottMan kann die Existenz Gottes nicht beweisen, man kann sie auch nicht widerlegen. Aber kann man Argumente finden, warum es zumindest plausibel ist, von der Existenz einer übernatürlichen Entität auszugehen, die man „Gott“ nennen kann?

Dies behauptet nämlich Jörg Phil Friedrich in seinem Buch. Als in einer atheistischen Umgebung aufgewachsener Philosoph, der selbst nicht an Gott glaubt, hat er sich logisch-argumentativ mit der Frage beschäftigt, ob an dem, was Religionen über Gott sagen, etwas wahr sein könnte – und ist, anders als der atheistische Mainstream, zu der Auffassung gekommen, dass es nicht nur möglich ist, sondern sogar plausibel.

Das Buch ist eine interessante Lektüre für alle, die von den üblichen „religionskritischen“ Argumenten, die sich meist nicht besonders viel Mühe geben, theologisches Denken überhaupt zu verstehen, gelangweilt sind. Für gläubige Menschen kann das Buch eine Bestätigung sein, wenn sie sehen, dass Gottesglaube auch mit logischen Schlussfolgerungen nicht einfach als dumm und zurückgeblieben abgetan werden kann. Das wird sie allerdings vermutlich nicht in ihrem Glauben bestärken – auch Jörg Friedrich lässt sich von seinen eigenen Argumenten nämlich nicht beeindrucken und bleibt weiterhin Atheist.

Es geht nicht um die Ebene des Glaubes, sondern um Logik und eine vernünftige Annäherung an die Welt. Der Frage, ob es plausibel ist, von einer Existenz Gottes auszugehen, nähert sich das Buch in vier durchargumentierten Abschnitten: Im ersten Abschnitt geht es um die Frage, was genau „Existenz“ eigentlich ist, im zweiten (längsten) geht um die Beziehung zwischen Menschen und Gott, im dritten um Gott als Schöpfer der Welt und im (kurzen) vierten Abschnitt um die Frage, was Gott nicht ist. Oder besser: Was man über Gott nicht aus rationalen, vernünftigen Gründen sagen kann.

Die Argumentationsketten lesen sich teilweise wie logische Knobelaufgaben. Wenn, dann und so weiter. Damit es nicht allzu theoretisch-abstrakt wird, werden die Gedankengänge in Form von Alltagsproblemen und Dialogen zwischen den imaginären Personen Alice und Bob anschaulich gemacht.

Ich persönlich fand die Kapitel in absteigender Reihenfolge interessant, was vermutlich aber daran liegt, dass für mich die Frage nach der „Existenz“ Gottes nicht gerade zentral ist. Sie interessiert mich sozusagen eher sportlich als spirituell.

Gerade deshalb fand ich die Auseinandersetzung mit der Frage aus dem ersten Abschnitt – was genau es eigentlich bedeutet, wenn wir sagen, dass etwas „existiert“ – sehr spannend. Denn das ist gerade sehr aufschlussreich in Bezug auf die „Existenz“ Gottes, auch wenn es dem Autor an dieser Stelle noch gar nicht um Gott geht, der Teil ist sozusagen noch zum Aufwärmen.

Ebenfalls interessant, wenn auch nicht ganz überzeugend fand ich die Argumentation in Abschnitt 2. Dort vertritt Friedrich die Auffassung, dass es im menschlichen Geist selbst Hinweise für die Plausibilität Gottes gebe, zum Beispiel das moralische Gewissen. Ich finde allerdings, dass solche „Resonanzen“ nicht unbedingt als Hinweise auf eine Existenz Gottes interpretiert werden müssen, sondern leicht kulturimmanent zu erklären sind. Gott kommt meiner Ansicht nach erst dort ins Spiel, wo Menschen sich entscheiden (oder es auf Grund von Zugehörigkeit zu einer religiösen Kultur so praktizieren), dass sie auf eine Weise von ihrem Geist Gebrauch machen, die sich auf Gott bezieht. Die Stärke dieser Idee und Praxis liegt für mich gerade darin, sich auf diese Weise aus dem Bezug dessen, was in der je eigenen Kultur als richtig, gut und normal gilt, lösen zu können.

Abschnitt drei kann man als den Höhepunkt des Buches verstehen, denn hier geht es um die Plausibilität eines Schöpfergottes: Ist die Welt aus sich heraus und rein zufällig entstanden oder gibt es eine schöpferische Quelle, die man „Gott“ nennen kann? Ich fand es nachvollziehbar, wie Friedrich hier argumentiert und warum er, anders als der gängige Atheismus, hier zu einem „Ja“ als Antwort kommt.

Mein gläubiges Herz war dadurch aber nicht erhoben, sondern eher etwas enttäuscht. Denn durch den Nachweis, dass es Gott auf diese Weise „gibt“, wird Gott auch irgendwie kleiner, weil man Gott offenbar im Rahmen des Bestehenden plausibel erklären kann. Eigentlich ist sie dann aber doch gar nicht mehr Gott, sondern nur ein unbekannter Teil des „Existierenden“, oder? Ist eine immanent erklärbare und herleitbare Transzendenz denn überhaupt noch transzendent?

Der vierte Abschnitt beschreibt schließlich noch in Kürze, was ein plausibler Gott nicht kann, zum Beispiel Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod begründen, oder Hoffnung auf Vergebung der Sünden. Da war ich dann gewissermaßen wieder ein bisschen beruhigt: Dass es offenbar doch noch etwas gibt, das Gott zwar kann, aber eben nicht nach „diesseitiger“ Logik.

 

 

7 Kommentare zu „Ist Gott plausibel?

Gib deinen ab

  1. Hmja.
    Ich hab mich ja zuletzt eher (zumindest) vom (organisierten) Atheismus abgewandt, weil er mir auch zu blöd wurde.
    Aber solche Sachen kann ich immer noch nicht lesen, ohne zumindest dezenten Widerspruch anmelden zu wollen. Für mich klingt das nach recht hohlen Rechtfertigungsversuchen.
    Und deine Perspektive dazu ist mir dann sogar … nee, jetzt wollte ich schreiben: noch fremder, aber das kann ich auch nicht sagen. Ähnlich extrem fremd, vielleicht.
    Ich würde zu gerne darüber reden, aber da wir in der Vergangenheit damit keine so guten Erfahrungen gemacht haben, gebe ich mal nur meinem Verlangen nach, diesen Kommentar abzuschicken, und verstehe natürlich gut, wenn er mangels sinnvollen Beitrags gelöscht wird.

  2. Vielen Dank fürs Lesen und vor allem für deine Rezension! Ich finde interessant, dass du das erste Kapitel am interessantesten findest. Andere hatten mir empfohlen, das einfach wegzulassen 😀 aber ich mag es natürlich auch sehr, weil es eben ziemlich unabhängig vom Rest des Buchs erst mal ein Versuch ist, zu bestimmen, was alles „existiert“.

    Ich finde nicht, dass Gott kleiner wird, wenn man plausibel macht, dass und wie er zu unserer Welt in Beziehung steht, wenn man ihn als verstehbar und fast notwendig erkennt. Aber mir wird an deiner Sichtweise auch klar, warum ich eben trotz aller plausiblen Argumente für Gott nicht gläubig geworden bin. Diese fast mystisch intuitive Zugangsweise fehlt mir, und so bleibt eben ein unhintergehbarer Rest Unsicherheit. Ich finde das auch nicht schlimm.

    Mir wäre aber wichtig, zu sagen, dass ich kein Atheist bin. Aus zweierlei Gründen. Einerseits, weil, Atheismus heute ein politischer Begriff ist, der eine Gegnerschaft ausdrückt. Andererseits, und das ist mir wichtig, weil ich eben auf rationalem Weg doch zu der Einsicht gekommen bin, dass Gott sehr plausibel ist. Das würde ein Atheist meiner Meinung nach nicht sagen.

    1. Danke für die Klarstellung – ich dachte immer, alle, die nicht an Gott glauben, sind Atheisten 🙂 _ aber vielleicht muss man auch zwischen Atheisten und Antitheisten unterscheiden!

      1. @Antje Schrupp
        >aber vielleicht muss man auch zwischen Atheisten und Antitheisten unterscheiden!< – ??
        Da hast du wohl einen irritierenden Spass gemacht – oder was meinst du, was der Begriff A(-)theist, mit der direkten Herkunft Anti-Theist, seit Jahrhunderten meint, bezeichnet?
        Ein Atheist ist das einzig deshalb, weil er Theismus ablehnt, aus keinem anderen Grunde, und diese Leute magst du "unterscheiden" nach "Anti-Theisten" und "A-Theisten" ?
        Ob das wohl eine tautologische Tautologie oder ein Nichtverstehen von Atheismus ist?

      2. Nein, A-Theisten wären Menschen, die ohne Gott auskommen, Anti-Theisten wären Menschen, die gegen Gott (oder die Idee von einem Gott) sind.

    2. @Jörg Phil Friedrich
      Atheismus: Gegnerschaft / „politischer“ Begriff?
      Hm, darf man fragen, was denn bitte der Begriff Atheismus, korrekterweise vollständig ausgeschrieben Anti-Theismus, wohl in Ihrer Sicht dann „früher“ war?
      Etwa nicht der Begriff, der die Gegnerschaft zum Theismus bezeichnen SOLL, etwa kein „politischer“ Begriff?
      Wenn nicht, was bitte war dann „früher“ gemeint, was hat wohl da „A“ darin voher gemeint? Nicht das „Anti“?
      Alles was Sie dargestellt haben, ist Atheismus pur – wenn auch nicht fundamentalistisch, und Fundamentalismen sind bekanntlich kreative Extreme und Abweichungen vom Stamm, sowohl beim Theismus wie beim Atheismus.
      Diese Abweichungen beider (aller) Seiten, von denen Sie sich hier wohl abgrenzen möchten, mögen sich untereinander beharken, bis sie die Fähigkeit zum normalen Disput wieder erlangt haben, sind ansonsten jedoch keinesfalls jeweils das Mass für Atheismus oder Theismus ….
      Atheismus war schon immer DER politische Begriff, um die Gegnerschaft (Ablehnung) zum Theismus auszudrücken.

  3. Pingback: Science Surf

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