Was ist eigentlich Weihnachten und wer darf es feiern?

In den diversen Streams, die mich aus dem Internet erreichen (und die ich versuche, möglichst pluralistisch zu halten, gegen Bubble-Verengung) formiert sich dazu gerade ein interessantes ideologisches “Hufeisen” zwischen engstirnigen Christ*innen und engstirnigen Muslim*innen. Beide treten nämlich dafür ein, den religiösen Gehalt dieses Festes wieder stärker zu betonen und kritisieren die multikulturelle Verwischung seiner Inhalte.

Da wäre zum Beispiel das MAGA-affine amerikanische Tradwife-Journal “Evie”, das dazu aufruft, in diesem Jahr nicht mehr interreligiös und interkulturell “Happy Holidays” zu wünschen, sondern explizit “Happy Christmas”. Während auf der anderen Seite die konvertierte deutsche Salafistin und Influencerin ihrer nicht unbeträchtlichen Follower(innen)schaft dringlich ins Gewissen redet, als Muslim*innen auf gar keinen Fall Weihnachten mitzufeiern, auch nicht aus Nettigkeit, weil Allah da sehr was dagegen hätte.

Obwohl aus unterschiedlichen, sogar gegensätzlichen identitätspolitischen Motivationen heraus stemmen sich beide Seiten gegen einen Trend, der eigentlich längst Mainstream ist, nämlich Weihnachten beziehungsweise “die Feiertage” am Ende des Jahres nicht mehr als religiöse Veranstaltung zu betrachten, sondern eher als ein kulturelles Ereignis für alle, die Besinnlichkeit, leuchtende Kerzen, ein paar Tage Ruhe, gegenseitige Nettigkeit, Friede und Freude schätzen. Nicht auf Theologie und streitbare Glaubensbekenntnisse kommt es den meisten an, sondern auf allgemeine menschliche Sehnsüchte und Freuden.

Vor vielen Jahren kam ich in Leipzig mal mit einem Menschen ins Gespräch, als ich mich über den vielen Weihnachtsschmuck wunderte, der dort überall an Straßen, Häusern und Geschäften prangte (mehr als in Frankfurt am Main, war mein Eindruck). Ich fragte ihn, warum das so sei, wo doch die große Mehrheit der Ostdeutschen gar nicht in der Kirche sei?

Entrüstet antwortete er mir: “Aber Weihnachten hat doch nichts mit Religion zu tun!”

So deutlich war mir das als “praktizierender”, wenn man so will, Christin bis dahin gar nicht klar gewesen. Ich startete eine kleine Umfrage im Netz, die zutage brachte, dass tatsächlich eine Mehrheit der Leute das so sah. Von der atheistischen, teils sogar anti-religiösen Freundin, die im Dezember ganz selbstverständlich ihren Adventskranz bestückt, bis hin zu jenem Aktivisten, der mir entgegenschleuderte, das sei ja wieder mal typisch für den verbohrten Egoismus der Religiösen, dass sie anderen das schöne Weihnachtsfest nicht gönnen.

Meine eigene Haltung dazu ist ein bisschen zwiespältig, da ich ja weiterhin finde, die christliche Botschaft hat was, das über das allgemeine Friede Freude Eierkuchen-Geklimper der säkularisierten “Weihnachtszeit” hinausgeht: Der Heiland ist geboren, die Welt erlöst, eine Zeitenwende ist passiert, die Mächtigen werden vom Thron gestoßen, wir haben einen anderen Herren als die real existierenden Könige und Kaiser und so weiter. Aber ja, das ist kompliziert und auch kontrovers, und selbst die Kirchen haben es weitgehend aufgegeben, spezifisch christliche Theologie zu vermitteln und ziehen sich auf allgemeine Selbstverständlichkeiten zurück – Weihnachten ist “Licht in der Dunkelheit” (wer würde das nicht schätzen), Karfreitag und Ostersonntag sind “Abschied und Neuanfang” (haben wir auch alle mit zu tun).

Es ist keine Frage der Theologie, sondern schlicht eine soziale Tatsache, dass Weihnachten heute ein Fest ist, an dem es um allgemeine menschliche Bedürfnisse und Befindlichkeiten geht und nicht mehr um christliche Glaubensinhalte, über die man mit guten Argumenten unterschiedlicher Meinung sein kann (den Heiden eine Torheit, wie Paulus betonte). Das Erinnern an die Geburt Jesu steht einfach nur noch für den Wunsch nach heiler Familie und die generelle Niedlichkeit von Babies, nicht mehr als Auftakt zu einer Umwertung der Werte, für eine neue Ethik, die sich der weltlichen Logik und ihren Herrschaftsdynamiken entzieht oder gar entgegenstellt. Weihnachten ist ein Fest zum Wohlfühlen, nicht für Debatten.

Die Wochen vor Weihnachten sind deshalb auch nicht mehr “Advent”, also Warten auf ein Ereignis, sondern schlicht die “Vorweihnachtszeit”, und die eigentlichen Feiertage leiten nicht mehr den Anfang des Festes ein, sondern sind dessen Höhepunkt und Ende. Weihnachten ist ein “alle Jahre wieder” stattfindender Anlass dafür, sich ein paar schöne Tage zu machen, wobei die jeweilige Bedeutung ganz individuell bestimmt wird – so wie es auch ein vermutlich sündhaft teurer Image-Werbefilm der Evangelischen Kirche in Deutschland beschreibt (ziemlich peinliche Angelegenheit, dümpelt glücklicherweise ohne nennenswerte Reichweite vor sich hin).

Genau diese inhaltliche Leere macht es allerdings möglich, dass identitäre Fundamentalist*innen das Fest für ihre eigenen Zwecke kapern. Wenn Weihnachten nicht mehr mit bestimmten Positionen wie Herrschaftskritik und Hinterfragen ungerechter “weltlicher” Verhältnisse und Beziehungen verbunden ist, kann es zum reinen Etikett werden, zum identitätspolitischen Marker, den man sich anheftet oder von dem man sich abgrenzt, je nachdem, über den man aber nicht nachdenkt oder mit anderen diskutiert. Und das ist dann in der Tat noch viel schlimmer, als ein inhaltsleeres säkularisiertes Wohlfühlfest für alle.

Und Ihr so? Feiert ihr Weihnachten? Und warum – oder warum nicht? Hat es für euch was mit Religion zu tun oder nicht? Und würdet Ihr euch wünschen, das wäre anders?

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